Interview: Valentino Lazaro von Hertha BSC

»nicht gewusst, dass es außer Fußball noch etwas anderes gibt«

Ihr Vater stammt aus Angola. Wann ist er nach Österreich gekommen?
Wenige Jahre vor meiner Geburt. Es gab zu dieser Zeit viele Probleme in Angola, Bürgerkrieg, Hungersnot.

Sprechen Sie Portugiesisch?
Ich verstehe es. Ähnlich wie Spanisch und Französisch. Ich komme durch.

Waren Sie mal in Angola?
Nein, aber ich habe es vor. Ich bin in Graz geboren und aufgewachsen, habe mich auch immer mehr österreichisch gefühlt. Meine Eltern haben sich früh getrennt, ich bin bei meiner Mama geblieben, habe aber ein gutes Verhältnis zum Papa.

Wie bewerten Sie mit Ihrem persönlichen Hintergrund das Flüchtlingsthema, das seit 2015 die Öffentlichkeit bewegt?
Ach, wissen Sie, da haben sich schon so viele zu geäußert. Ich kann beide Seiten verstehen, aber es ist sehr schwer, auf genau einen Punkt zu kommen, wie man das zu betrachten und zu bewerten hat.

In diesem Herbst hat Österreich eine Mitte-Rechts-Regierung gewählt. Haben Sie festgestellt, dass sich die Atmosphäre im Land verändert hat?
Es zeigt zumindest eine Richtung, in die sich das Denken der Menschen entwickelt. Nicht nur in Österreich. Man sieht es in Amerika, man sieht es in vielen Ländern. Sollte sich das weiter so entwickeln, muss man immer häufiger auch Zeichen setzen gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung. So wie wir es bei Hertha mit dem Kniefall getan haben. Ich will aber gar nicht so viel drüber reden, ich kann nur sagen, was meine Sicht auf die Dinge ist. Wenn ein Mensch eine Meinung hat, kann man sich austauschen. Aber wenn der andere fest von seiner Meinung überzeugt ist, keine andere zulässt, wirst du sie nicht ändern. Du kannst ihm nur mitteilen, wie du denkst.

Haben Sie eigentlich die Matura, das Abitur, zu Ende gemacht?
Leider nicht, und das war hart. Ich war immer gut in der Schule, aber mit 15 wurde ich zur ersten Mannschaft hochgezogen. Das ging mit einer normalen Schule nicht mehr zusammen, weil wir auch vormittags trainiert haben. Ich habe es mit einer Abendschule probiert. Das hat auch eine Zeitlang funktioniert, bis die ganzen Profi-Trainingslager und Turniere anfingen. Ich hatte abends einfach nicht mehr die Kraft für drei oder vier Stunden Schule. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gesagt habe: Nimm dich mal raus und konzentrier dich auf Fußball, damit es dort weitergeht! Die Abendschule kannst du immer noch machen.

Wie weit waren Sie da vor dem Ziel?
Ganz knapp. Zwei Semester haben mir gefehlt.

Was haben Ihre Eltern gesagt?
Eltern freut das natürlich nicht. Aber meine Mama hat mich in allem unterstützt, von Anfang an. Gerade wenn ich an die Zeit in Graz zurückdenke, wo wir nicht mal ein Auto hatten. Ich war sieben oder acht, und meine Mutter hat zu meinen Brüdern gesagt: »Wenn der Junge das machen will, fahre ich mit ihm eine Stunde mit dem Bus zum Training, und ihr passt auf euch auf.« Am Abend hat meine Mutter dann noch einmal für alle gekocht.

Hat Ihre Familie da schon erkannt, dass Sie es ganz nach oben schaffen können?
Das weiß ich nicht. Es lag wohl daran, dass ich ständig davon erzählt habe. Ich habe gar nicht gewusst, dass es außer Fußball noch etwas anderes gibt (lacht). Ich habe im Fernsehen Fußballspiele gesehen und gedacht: Das will ich machen.

Wie war es, als Sie mit 16 Jahren Ihren ersten Profivertrag unterschrieben haben?
Das war gar nicht so einfach, weil ich schon auf dem Absprung zum AC Mailand war, um dort zu unterschreiben. Aber da ich in Salzburg einen Jungprofi-Vertrag hatte, hätte der Verein meinen Wechsel zustimmen müssen. Dietrich Mateschitz persönlich …