Interview: Der 90-Jährige Schalker Allesfahrer

Heimspiel in Madrid

Und trotz dieser Negativerfahrungen in Gefangenschaft wünschen Sie sich eine Rückkehr in die heutige Ukraine?
Mit den Russen hatte ich nie ein Problem. Die Lagerärztin war Major und eine richtig dicke Patrone. Die hat mich im ersten Jahr meiner Gefangenschaft aus dem Bergbau rausgehalten, weil sie gesehen hat, dass ich aussah wie ein mit Haut überzogenes Skelett. Ich durfte in der Küche arbeiten, wo ab und zu etwas zu Essen für mich abfiel. Die hat mir sozusagen das Leben gerettet. Auch die russischen Frauen, die später mit uns unter Tage gearbeitet haben und mit denen wir nicht sprechen durften, steckten mir hier und da etwas Kuchen zu. Ohne die wäre ich verreckt. Als Schalke 2016 in Lviv gegen Schachtar Donezk 0-0 spielte, bin ich erstmals wieder zurückgekehrt. Wir sind zuerst mit dem Flieger nach Krakau und dann mit einem Mietbus an die ukrainische Grenze gefahren. Da haben wir den falschen Übergang erwischt und kamen nicht rein. Weil ich noch ein wenig Russisch spreche, haben die Jungs mich vorgeschickt, um die Lage zu checken. Aber es half nichts und wir mussten 50 Kilometer weiter zum nächsten Grenzübergang, wo es dann geklappt hat. Während dieses Auswärtsspiels war ich 24 Stunden am Stück auf den Beinen und danach eine Woche platt.

Was war Ihr schönstes Erlebnis in Europa?
Wenn Schalker auf die Reise gehen, dann ist es immer schön. Das kann sich keiner vorstellen, der Fußball nur in der Glotze schaut. Mit 4.000 Blauen durch die Madrider Innenstadt zu ziehen ist so, als wäre das ein Heimspiel in Gelsenkirchen. Die Menschen, die man kennenlernt, sind mir wichtig. Schotten, die mit Kilt und blau-weißem Trikot von der Insel kommen, nur um Schalke zu sehen. Fans aus verschiedenen Ländern zu begegnen, die sich irgendwo in Europa treffen und gemeinsam feiern. Das ist es, was mich immer wieder antreibt. Eine schöne Anekdote ist 2011 in Mailand passiert, als wir das Abschlusstraining sehen wollten. Wir kamen zu spät, das Tor zum Innenraum des Stadions war schon geschlossen und ein Sicherheitsbeamter, der so groß und breit war wie ein Kleiderschrank, stand davor. Ich bin zu ihm hin, habe meinen Rentnerausweis gezückt und gesagt: Ich bin der Kallek aus Gelsenkirchen-Rotthausen und ich will jetzt den Jeff (Jefferson Farfan) sehen. Der hat vermutlich kein Wort verstanden, aber das Tor hat er aufgemacht und wir sind alle reinspaziert. Ich bin dann sofort zum Jeff gegangen, habe 20 Minuten mit ihm geredet, und mein Neffe Holger hat ein Foto von uns gemacht. Nur für den Fall, dass ich mal dement werde und die Story vergesse. Und in der Türkei ist mir auch ein Ding passiert.