HSV-Fan Joachim Eybe über Ultras und Altfans

»Es ist leicht konsumierbar geworden«

Im 11FREUNDE Bundesliga-Sonderheft zeichnen wir die Karriere des HSV-Ultras und Vorsängers Johannes Liebnau nach. Alt-Fan Joachim Eybe kann damit wenig anfangen. Ein Gespräch über Kutten, Stimmungsboykotts und Ultras anno 1989. HSV-Fan Joachim Eybe über Ultras und AltfansImago
Heft#117 08/2011
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Joachim Eybe, wie sah die HSV-Kurve in den siebziger und achtziger Jahren aus?

Joachim Eybe: Die Hierarchien waren klar definiert und viel deutlicher ausgeprägt als heute. Als kleine Kutte hatte man am Rand zu stehen. So erging es auch mir. Nach und nach versuchte ich mich dann ins Innere des Block E (Fanblock im alten Volksparkstadion d. Red.) reinzudrücken.

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Wie lange dauerten diese Territorialkämpfe?

Joachim Eybe: Die gingen manchmal über Jahre. Man musste auch ein wenig Glück haben. An einem Tag lerntest du den großen Bruder von dem Freund deines Fußballtrainers kennen – und dann stellte sich heraus, dass der mittendrin stand. Schon war man selbst einen Schritt weiter im Block.

Wie ist es heute?

Joachim Eybe: Ganz überspitzt: Heute geht man mit 13 Jahren erstmals zum HSV, nach einer Woche lernt man die heutigen Ultras, die Chosen Few oder Poptown, kennen. Nach zwei Wochen tritt man der Gruppe bei, nach drei Wochen glaubt man den Kutten und Altfans erzählen zu können, was Tradition bedeutet. Ich mag das nicht. Es geht einfach alles viel zu schnell.

Keine Erscheinung der Ultra-Bewegung.

Joachim Eybe: Absolut nicht. Das zieht sich durch die gesamte Fußballkultur. Man muss sich heute einfach um nichts mehr kümmern. Früher mussten wir uns nicht nur den Platz im Block erkämpfen, wir mussten uns alles erarbeiten. Alleine eine Auswärtsfahrt bedeutete ein großes Abenteuer: Wie komme ich hin, wo ist das Stadion, an wen muss ich mich halten? Oder die Informationsbeschaffung und die Vernetzung der Szenen über Fanzines. Heute wird dir alles abgenommen. Es ist leicht konsumierbar geworden.

Wie supporten Sie heute im Stadion?

Joachim Eybe: Ich bin Freund der britischen Fankultur, während eines Spiels gehen meine Emotionen in 23 verschiedene Richtungen. Das muss ich auch auf meine Art ausleben können. Meine Kumpels und ich können mit den Dauersupport der Ultras nichts anfangen. Es gab in der Vergangenheit auch häufiger Situationen, wo einige um mich herum sagten: »Die nerven.«

Was stört die Leute denn?

Joachim Eybe: Ein Beispiel aus dem Jahr 2009: Nachdem diverse Leute aus der CFHH (Chosen Few, d. Red.) Scheiße gebaut hatten und von der Polizei festgenommen wurden, organisierte die Gruppe einen Stimmungsboykott beim Spiel gegen Schalke. Der Rest der Kurve war ziemlich aufgebracht gegen die Gruppe. In der Halbzeit verteilten sie dann Flyer, die diesen Boykott erklärten. Ich finde, dass sie sich mit solchen Aktionen selbst überhöhen. Wer Scheiße baut, soll dafür gerade stehen. Und in diesem Fall hatten Leute vorher tatsächlich Scheiße gebaut oder hatten es zumindest vor...

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Johannes Liebnau, dem Vorsänger der Nordtribüne?

Joachim Eybe: Ich habe kein Problem mit ihm. Er ist ein netter Kerl. Trotzdem kann ich sagen, dass ich mit seinem Singsang-Support nichts anfangen kann. Früher habe ich ihm während der Spiele auch SMS-Nachrichten geschickt, die er dann auch mal in der Gruppe rumgezeigt hat. Nach dem Motto: Guckt mal, was der Eybe wieder für 'ne Scheiße schreibt.

Johannes Liebnau kandidierte 2009 ohne Erfolg für den HSV-Aufsichtsrat. Hätten Sie seine Wahl begrüßt?

Joachim Eybe: Ich habe Jojo damals nicht gewählt, seine Mitstreiter auch nicht. Einfach, weil ich nicht den Eindruck hatte, dass die »Blockwahl« die damalige Situation hätte zwingend verbessern können. Ich hielt das Vorgehen damals auch für falsch. Es ging da viel um Macht und Abneigung gegen Bernd Hoffmann. Dennoch wäre seine Wahl zumindest ein Zeichen gewesen, dass man im Verein Leute haben will, die lange und vor allem konstant dabei sind. Schlimmer finde ich es, wenn sich Kandidaten vor solchen Wahlen als »Schon-immer-dabei-gewesene« inszenieren. Manfred Ertel etwa erzählte mehrfach, dass er mit dem HSV schon überall war und die größte Fahne im Block hatte. Komisch, dass ich ihn auswärts in den Achtzigern und Neunzigern nie gesehen habe, und gerade in den Achtzigern war der Auswärts-Anhang des HSV ja mitunter sehr überschaubar. Außerdem hatte nachweislich ein Fan die größte Fahne, der weder Manfred noch Ertel hieß.

Können Sie denn mit Fußballkritik was anfangen?

Joachim Eybe: Oft sind Capos eher Fan-Politiker, es geht ihnen immer ein Stück weit auch um Macht. Das widerstrebt einigen Altfans. Allerdings ist die Szene nicht so zerstritten, wie sie gerne dargestellt wird. Zum Beispiel erinnere ich mich an Auswärtsfahrten, bei denen Jojo (Liebnau, d. Red.) durch den Zug gegangen ist und unsere Shirts verkauft hat.  

Kann man den Ultras nicht zugute halten, dass Sie die Interessen der Kurve vertreten und eine Öffentlichkeit für Fanthemen geschaffen haben?

Joachim Eybe: Ich kann mit Fans, die permanent Vereinspolitik betreiben wollen und ständig diverse Fanthemen zu ihrem einzigen Auftrag machen, oft nichts anfangen. Klar, es gibt wichtige Themen, aber bei einigen Leuten hat man den Eindruck, dass das Fansein eine schwere Bürde ist. Die lassen auch meist keine anderen Meinungen zu. Bei diesen Leuten vermisse ich den Spaß, der beim Fußball dazugehören sollte.

Sie waren Ende der achtziger Jahre auch Teil einer Ultra-Gruppe.

Joachim Eybe: Aber das hatte mit Fußballkritik oder Vereinspolitik nichts zu tun. Wir waren ein bunter Haufen aus Hools und Bomberjacken, ziemlich harte Szene. Damals schwappten zur WM 1990 diverse TV-Berichte über die italienische Ultra-Kultur nach Deutschland. Das fanden wir cool. Typen, die ihre Mannschaft hart supporteten, aber auch auf der Straße ihren Mann standen. Eine Mischung aus der heutigen Ultra-Szene und britischen Hools. Wir nannten uns also Hamburg Ultras und verstanden uns als spaßorientierte Krawalltruppe, die auch Lust am Fußball und Singen hatte.

In der Westkurve gab es allerdings schon eine Art Capo.

Joachim Eybe: Ja, den Griechen. Er ist Anfang der Neunziger gelegentlich auf den Zaun geklettert und hat den Block mit einem Tamburin animiert. Meist war das aber eher rhythmisches Klatschen. Irgendwann verschwand er wieder. Es gab auch davor immer wieder Aktionen von verschiedenen Fans, die versuchten, die Stimmung anzuheizen.

Mit Erfolg?

Joachim Eybe: Früher sind Leute Wellenbrecher geklettert und haben versucht Lieder anzustimmen. Oft war die Resonanz ernüchternd, wenn aber alle mitgemacht haben, war es schon geil. Die Kraxelei lohnte in jedem Fall, denn der Ausblick von dort oben war einfach super. Gar nicht so gut war allerdings, dass ich beim Landesmeister-Halbfinale gegen Real Sociedad im Alter von 14 Jahren auf dem Wellenbrecher stand und mich eine TV-Kamera einfing. Das Problem: Ich durfte eigentlich gar nicht in den Block E gehen, wegen der vielen Unglücksfälle beim Fußball sorgte sich mein Vater um mich. Ich glaube aber, dass er mich nicht gesehen hat.

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Joachim Eybe ist seit Ende der siebziger Jahre HSV-Fan. Er war Teil der Hamburg Ultras und ist heute Mitbetreiber des Fußballmode-Labels »1887 Streetwear«: 1887-shop.de.

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