Horst Buhtz im Karriere-Interview

»Das war es jetzt!«

Haben Sie sich in Italien entschieden, eine Karriere als Trainer anzuschließen?
Meine späteren Erfolge wurden durch die Erfahrungen in Italien erst möglich. In Europa wurde traditionell im WM-System mit elf taktischen Positionen gespielt, in Italien gab es bereits 15. Die taktische Aufstellung variierte von Spiel zu Spiel viel stärker. Ich habe dieses flexible Denken später ausgenutzt, denn im meiner Trainer-Tätigkeit hatte ich ja selten herausragende Kader. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Bei Borussia Neunkirchen installierte ich einen Libero. In der Aufstiegsrunde 1964 verwiesen wir so Bayern München mit dem jungen Franz Beckenbauer und Rang Zwei und stiegen auf. In Wuppertal ließ ich Heinz-Dieter Lömm sehr erfolgreich eine Art hängender Linksaußen spielen. Die gegnerischen Trainer verstanden diese taktischen Maßnahmen manchmal gar nicht, sehr zu unserem Vorteil.

Die Jahre von 1968 bis 1974 beim Wuppertaler SV gehören zu den erfolgreichsten ihrer Trainerlaufbahn.
Als ich nach Wuppertal kam, lag der Verein am Boden. Ich konnte mich richtig entfalten und arbeitete in einem sehr familiären Umfeld. 1972 stiegen wir in die Bundesliga auf und qualifizierten uns im ersten Jahr sogar als Vierter für den Uefa-Cup. Das Stadion am Zoo war eine Macht, und in über sechzig Heimspiele von der Regionalliga bis zur Bundesliga blieben wir ungeschlagen. Davon sprechen die Wuppertaler noch heute. Aber im Erfolg lagen auch bereits die Gründe für den späteren Abstieg. Wir hatten ein Jahr in der Regionalliga verschenkt, als uns 1971 auf dem Aachener Tivoli ein Torwartfehler den sicheren Aufstieg gekostet hatte. Was nutzte es uns, der beste Regionalligadritte aller Zeiten gewesen zu sein? Ein Jahr später ging es endlich eine Etage höher und wir stellten in der Aufstiegsrunde mit acht Siegen in acht Spielen einen Rekord auf. Aber durch das Jahr Verspätung kam die Mannschaft in der Bundesliga schnell in ein hohes Alter, und der Verjüngungsprozess ging zu langsam voran. Es war für mich ein wirklich trauriger Moment, als ich in Wuppertal erkannte: »Das war es jetzt!« Ich lese ja die »Bild«-Zeitung nicht, aber als aktiver Trainer muss man die Boulevardpresse lesen, damit man weiß, wann und wem die Stunde schlägt.

Sie haben die ersten zwanzig Jahre Bundesliga als Trainer aktiv miterlebt. Wann ist eigentlich die Liga »modern« geworden?
Die Spielertypen der 1970er Jahre brachten eine wesentliche Veränderung mit sich. Das merkte man auch als Trainer ganz deutlich. Ein herausragender Spieler wie Günter Netzer, der lange Haare hatte und einen Jaguar fuhr, war Vorbild für viele andere. Geld stand plötzlich viel mehr im Vordergrund und die Gehälter und Summen gingen stetig in die Höhe.

Eine innovative Figur des deutschen Fußballs haben Sie 1983 als Trainer der Stuttgarter Kickers kennen gelernt.
Ja, ich kam in der Saison zu den Kickers und ließ den Co-Trainer die Mannschaft für das kommende Spiel aufstellen, da ich noch niemanden kannte. Da klopfte es an der Tür meiner Kabine, und ein junger Bursche stand heulend vor mir und wollte wissen, warum er nicht aufgestellt worden sei. Es war Jürgen Klinsmann. Ich konnte nur mit den Schultern zucken. In einer Sommerpause fuhr Jürgen nicht in den Urlaub, sondern meldete sich bei der Leichtathletikabteilung, um seine Schnelligkeit zu trainieren. Zum Trainingsauftakt der neuen Saison hatte Jürgen seine 100-Meter-Zeit von 11,7 auf 11,0 Sekunden verbessert. So ehrgeizig war er schon damals.

Klinsmanns Traum des WM-Titels 2006 scheiterte bekanntlich. Haben Sie ihren Lebenstraum erfüllt?
Ich habe meinen Lebenstraum total erfüllt. Schon als Kind wollte ich immer nur einen Ball haben: zu Ostern, zum Geburtstag und zu Weihnachten. Mehr gab es für mich nicht. Wenn dann wieder so ein Ball auf einem rostigen Nagel seinen Geist aufgab, war es immer ein Elend von ein paar Tagen, bis sich mein Vater erbarmte und mir einen neuen kaufte.