Holger Stanislawski über den Tod von Andreas Biermann

»Fußball war für ihn Fluch und Segen«

Die Fußballwelt trauert noch immer um Andreas Biermann. Heute findet in Berlin ein Benefizspiel zu Gunsten der Kinder des verstorbenen Profis statt. Im Interview erzählt sein Ex-Trainer Holger Stanislawski vom dem tragischen Tod und dem Erbe seines ehemaligen Schützlings.

Heute findet im Stadion An der Alten Försterei in Berlin ein Benefizspiel für die Kinder von Andreas Biermann statt. Der ehemalige Profi von Union Berlin und FC St. Pauli hatte jahrelang unter Depressionen gelitten und sich am 18. Juli das Leben genommen. Die Zweitliga-Mannschaft von Union wird gegen die Biermann All-Stars antreten, die von Holger Stanislawski betreut wird. Tickets für das Spiel kann man hier kaufen!

Holger Stanislawski, was erwarten Sie von dem Spiel zu Gunsten der Kinder von Andreas Biermann?
Ich denke, dass an diesem Abend allen noch einmal bewusst werden wird, dass da einer gegangen ist, weil er einfach nicht klargekommen ist und niemand ihm helfen konnte. Und das stellt natürlich auch die Frage: Nehmen wir in unserem Leben genug wahr, was mit anderen los ist, oder sind wir viel zu sehr mit uns beschäftigt?

Ehemalige Mitspieler von Biermann wie Jan Glinker, Christian Stuff und Sebastian Bönig bei Union, Alexander Ludwig, Morike Sako und Björn Brunnemann beim FC St. Pauli, sowie Michael Fuß von Tennis Borussia werden kommen. Wie wird der Abend ablaufen?
Wir werden schon versuchen, in freudig zu gestalten und den Zuschauern was zu bieten. Man darf auch nicht vergessen: Fußball ist auch das, was Andreas ein Stück weit geliebt hat. Wenn auch nicht uneingeschränkt. Fußball war für ihn Fluch und Segen gleichzeitig, weil er ihn auch belastet hat.

Sie waren damals sein Trainer beim FC St. Pauli, als er zum ersten Mal versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Wie haben Sie das damals erlebt?
Ich bin zum Training gekommen und habe gehört, dass Andreas fehlt und mich gefragt, was wohl los ist. Und dann habe ich über seine Frau davon erfahren, was passiert ist. Ich habe damals anschließend gemeinsam mit Andreas und seiner Frau beschlossen, ihn in die geschlossene Therapie zu bringen und habe ihn damals auch selbst ins Klinikum gefahren.

Hatten Sie sich vorher schon mal mit dem Thema Depression beschäftigt?
Ein wenig, aber in der Form war mir das neu. Ich wusste zwar, dass jeder Spieler im Profifußball seinen kleinen Rucksack mit sich herumschleppt, aber das konnte man nicht vergleichen. Wir hatten vorher auch das Thema der Spielsucht bei René Schnitzler. Da habe ich mich bereits gefragt, was eigentlich los ist.

Überfordert der Profifußball seine Protagonisten?
Das kann man so generell nicht sagen. Aber ich bin inzwischen der Meinung, dass es viel wichtiger wäre, Spieler psychologisch nicht nur in der Frage zu betreuen, ob sie den Ball ins Tor schießen oder nicht. Als ich 1993 in meinem ersten Profijahr war, kam mit Dieter Schlindwein ein alter Sack zu mir und hat gesagt: »Stani, Fußball ist ein Wochengeschäft. Eine Woche bist Du der Größte, die nächste Woche eine Wurst.« Das ist wirklich so, und damit muss man umzugehen lernen. Außerdem brauchen viele Spieler Unterstützung und Orientierung im Leben um dem Fußball herum. Was mache ich mit meiner Freizeit, wenn ich nachmittags um 15.30 Uhr Training habe und den ganzen Vormittag frei? Wie gehe ich mit den Medien um, die alles durchleuchten? Es ist in jungen Jahren eine schwierige Mischung aus extremen Druck, jeder Menge Geld und viel Freizeit.

Macht das Spieler anfälliger für Depressionen?
Nein, wir müssen auch mit den Begrifflichkeiten vorsichtig sein. Als ich Ende der letzten Saison beim 1.FC Köln als Trainer aufgehört hatte, wurde mir nachgesagt, ich sei ausgebrannt. Wenn man ein Jahr lang einen Klub wie Köln mitten im Umbruch trainiert, dann ist man als Trainer anschließend tatsächlich ausgebrannt. Aber das heißt nicht, dass man einen Burnout hat oder depressiv ist.

Nach seinem Selbstmordversuch ist Andreas Biermann nochmal in Ihre damalige Mannschaft beim FC St. Pauli zurückgekommen. Wie gut hat das geklappt?
Wir haben vorher mit der Mannschaft und auch mit ihm selbst die Situation sehr offen thematisiert. Der Umgang in der Mannschaft war dann auch relativ normal, wir haben ihn bewusst nicht in Watte gepackt. Ich habe ihn immer mal wieder gefragt, wie es ihm geht und bekam als Antwort: »Alles gut, Trainer.« Er hat mir aber auch mal gesagt, dass die Menschen sehr gut verbergen können, wie es ihnen wirklich geht.

Haben Sie diese Erfahrungen verändert?
Ja, man wird feinfühliger. Als Trainer sind in einem Verein immer 35 Leute oder mehr um einen herum, die alle gewisse Ansprüche stellen. Denen kann man natürlich nicht immer allen komplett gerecht werden, aber durch das Erlebnis mit Andreas Biermann bin ich viel offener dafür geworden, Schwingungen aufzunehmen, auf Mimik, Gestik und Körpersprache zu achten.

Am 18. Juli hat Andreas Biermann sich das Leben genommen, wie haben Sie das erlebt?
Einfach nur als einen riesigen Schock, dass er es nicht geschafft hat. Und weil ich weiß, dass die Jahre der Krankheit seiner Familie auch finanzielle Probleme bereitet hat, bin ich froh, dass wir bei dem Spiel was für seine Kinder tun können.