Hessen Kassel sucht einen Chef-Mährer

»Warum hat der KSV nicht 7:0 gewonnen?«

Die lustigste Stellenausschreibung kam vor zwei Wochen aus Kassel: Der KSV sucht für die Rückrunde einen »Chefmährer«. Nur: Was ist das überhaupt? Und was soll er tun? Wir haben bei Pressesprecher Torsten Pfennig nachgefragt.

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Torsten Pfennig, für alle Nicht-Hessen: Was ist ein Mährer?
Das ist ein geflügeltes nordhessisches Wort und bedeutet so viel wie Meckerer oder Motzer.
 
Bei anderen Vereinen wird nach Superfans oder Maskottchen gesucht, Nachwuchs-Ultragruppen suchen vielleicht noch nach Nachwuchs-Capos. Wieso sucht Hessen Kassel einen Chefmährer?
Wir wollten nach einiger Zeit mal wieder ein KSV-Maskottchen haben. Es sollte aber etwas Ausgefallenes sein. Wie der lebendige Ziegenbock beim 1. FC Köln.
 
Die Tiernummer wäre bei Hessen Kassel allerdings schwierig geworden.
Vermutlich, unser Wappentier ist keine Ziege, sondern ein Löwe. Naheliegend wäre es also gewesen, einen Fan in ein Löwenkostüm zu stecken, doch das fanden wir zu langweilig, zumal 1860 München auch einen Löwen hat. Also haben wir nach etwas gesucht, dass typisch nordhessisch und ein wenig selbstironisch ist: einen Chefmährer. Dieser Chefmährer ist quasi ein Maskottchen, mit dem großen Unterschied, dass er nicht im süßen Kuschel-Outfit vor der Kurve rumwackelt und freundlich grüßt, sondern ordentlich auf die Pauke hauen kann. Es wird zum Beispiel nach jedem Spiel ein interview mit ihm geben, wo er – bestenfalls auf nordhessisch – richtig losmähren kann.
 
Warum meckert der Nordhesse denn so gerne?
Vielleicht liegt das an der geografischen Lage. Kassel liegt am Rand von Hessen, ein bisschen ab vom Schuss. Mit Blick auf das Rhein-Main-Gebiet fühlt er sich immer ein bisschen benachteiligt – und dann wird eben gerne mal gemährt. Allerdings kann dieser Charakterzug auch sympathisch sein. Bei Hessen Kassel fragen die Fans etwa nach einem 5:0 nicht, wann es so einen tollen Sieg schon mal gegeben hat, sondern sie fragen, warum die Mannschaft nicht 7:0 gewonnen hat. (lacht)
 
Das heißt, Sie lachen auch über den alten Fankurven-Witz: »Hessen Kassel will nicht aufsteigen.«
Darüber kann man schon schmunzeln, wir spielen ja seit Ewigkeiten in der vierten Liga. Und es ist auch eine Reminiszenz an die frühen achtziger Jahre, als Hessen Kassel innerhalb von fünf Jahren vier mal den vierten Platz in der Zweiten Liga belegte, doch nie aufstieg. Auch damals mährten die Fans: »Die könnten zwar aufsteigen, doch die wollen einfach nicht«. Wir haben das ja sogar in der Stellenanzeige thematisiert: »Du bist seit vielen Jahren anerkannter Fußballlehrer auf der Tribüne und dir fehlt nur die offizielle Lizenz des DFB? Du gehst mit deinen 33 schon seit über 60 Jahren zum KSV? Du hast es schon immer gewusst, dass die Löwen gar nicht aufsteigen wollen? «
 
Wann können Sie nicht lachen?
Wenn man mal 70 oder 80 Stunden in einer Woche gearbeitet hat und dann jemand am Spieltag mährt: »Messi hätte den reingemacht«. Man sollte immer Äpfel mit Äpfeln vergleichen. Leider haben einige KSV-Fans die Angewohnheit, Äpfel mit Birnen zu vergleichen – und wenn der Champions-League-verwöhnte Zuschauer dann einen Viertligaspieler dabei zusieht, wie er seinem Mitspieler den Ball aus drei Metern in den Rücken spielt, versteht er die Welt nicht mehr.
 
Die Bewerbungsfrist für den Chefmährer endete am 3. Januar. Haben Sie jemanden gefunden?
Es gab eine gute Handvoll Bewerbungen, allerdings haben wir mit mehr gerechnet.
 
Mährt der Nordhesse also doch nicht so gerne?
Daran liegt es nicht. Vielmehr ist das Problem, dass sich die meisten Mährer nicht unbedingt als Motzer verstehen, sondern eher als kommende Cheftrainer oder Super-Experten. Man braucht also jemanden, der ein gewisses Alter hat, der authentisch ist, der vielleicht die achtziger Jahre miterlebt hat und vor allem über sich selbst lachen kann.