Herthas U19-Trainer Michael Hartmann über den deutschen Jugendfußball

»Müssen uns nicht verstecken«

Heute trifft Herthas U19 in der Youth League auf die U19 von Paris Saint-Germain. Im Interview erklärt Meistertrainer Michael Hartmann, mit welchen Problemen der Jugendfußball in Deutschland zu kämpfen hat und wie sich Hertha die Bolzplatzmentalität bewahren will.

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Michael Hartmann, was macht in Ihren Augen einen guten Nachwuchstrainer aus?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Weil du jedes Jahr quasi eine neue Mannschaft hast, musst du dich immer wieder neuen Herausforderungen stellen und auf die unterschiedlichen Charaktere eingehen. Du musst an den Stärken der Spieler arbeiten, aber vor allem ihre Schwächen erkennen und da den Hebel ansetzen. Das können nicht fünf oder sechs Dinge sein, sondern höchstens ein oder zwei.

Macht einen guten Nachwuchstrainer auch aus, dass er nicht so schnell wie möglich eine Profi- Mannschaft trainieren will?

Es gibt leider Trainer, die den Nachwuchs nur als Zwischenstation sehen und jede Gelegenheit nutzen, um nach oben zu kommen. Für mich ist das nicht die Idealvorstellung. Im Nachwuchs brauchst du Kontinuität. Dennoch kann es ja das Ziel sein, dann irgendwann auch eine Profimannschaft zu trainieren.

Ein guter Nachwuchstrainer sagt also: Ich bringe die Jungs voran - nicht mich selbst?

Richtig. Du musst langfristig denken. Wenn du sagst, ich will unbedingt zu den Männern, wirst du nur noch mannschaftsorientiert denken, und nicht daran, wie sich der Einzelne verbessern kann.

Wollen Sie dauerhaft im Nachwuchs bleiben?

Momentan ist das geplant, ja.

Was ist da anders als bei den Männern?

Der größte Unterschied ist die mediale Begleitung. Wenn es mal schlecht läuft, muss man sich nicht ständig rechtfertigen. Dadurch kannst du dich viel mehr auf die Spieler konzentrieren. Aber mittlerweile wird auch im Nachwuchs viel auf Ergebnisse geschaut.

Ist das ein Problem im deutschen Fußball?

Ich glaube, das Problem liegt eher in der Trainerausbildung. Viele machen mit Mitte 20 ihre Lizenzen. Die sind dann in der Theorie sehr gut, haben aber kaum praktische Erfahrung. Das ist nicht der richtige Weg. Wichtig wäre es, mehr Wert auf die individuelle Ausbildung der Spieler zu legen und nicht nur auf das System der Mannschaft. Wenn ein Spieler ständig gesagt bekommt: Spiel den Ball von A nach B, dann macht er das. Aber das bringt ihn individuell nicht weiter. Er muss selbst Lösungen erkennen und umsetzen.

Inwiefern haben Ihnen Ihre Erfahrungen als Spieler geholfen?

Mir hat als Spieler immer die individuelle Betreuung gefehlt. Du warst mehr oder weniger auf dich selbst angewiesen. Das habe ich mit in den Nachwuchs genommen. Ich stehe grundsätzlich für zusätzliche Einheiten bereit. Ich gehe auch ganz alleine mit jemandem auf den Platz, aber er muss auch Bock darauf haben.

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