Henrik Larsson über Ronaldinho, den Fußball und das Leben

»Vor meinen Augen ging mein Bruder zugrunde«

Gemeinsam gewannen Sie im Jahr 2006 mit dem FC Barcelona die Champions League. Im Finale gegen den FC Arsenal wurden Sie erst in der 61. Minute beim Stand von 0:1 eingewechselt. 15 Minuten später bereiteten sie das 1:1 von Samuel Eto'o vor. Dann kam Ihr großer Auftritt.
Neun Minuten vor dem Abpfiff sah ich, wie Juliano Belleti in den Strafraum startete, und spielte ihn an. Er erzielte das 2:1 und schrie in den Abendhimmel: »Oh, mein Gott! Oh, mein Gott!« Die ganze Mannschaft stürzte auf ihn, alle Dämme brachen, Eto'o weinte vor Freude. Wir waren die Könige von Europa.



Nach dem Abpfiff sah man Sie alleine vor den Barça-Fans jubeln.
Das war purer Zufall. Ich dachte, dass meine Mitspieler mit mir zu den Fans laufen würden. Als ich mich umdrehte, war ich allein - die anderen waren schon bei der Siegerehrung.

Wussten die Barça-Stars etwa nicht, wie man feiert?
Die Party danach war die beste meines Lebens - und die erste, auf der ich komplett nüchtern blieb. Meine Frau war da, dazu mein großer Bruder, meine besten Freunde. Ich hatte mir geschworen, dass ich jeden Moment dieses Abends aufsaugen werde.

Der beste Moment des Abends?
Meine Frau und ich verließen als Letzte die Party-Location. Draußen war es bereits hell, und der Türsteher bot an, uns in seinem Van zum Hotel zu fahren. Wir saßen zwischen leeren Flaschen und Farbeimern und fuhren durch Paris. Meine Frau fing an zu singen: »Campeones, Campeones, Olé, Olé, Olé«. Am Hotel angekommen, sang sie einfach weiter und beschallte den ganzen Innenhof: »Campeones, Campeones«. Plötzlich öffnete sich ein Fenster, Thiago Motta streckte den Pokal raus und stimmte ein: »Olé, Olé, Olé«. Dann kamen Mark van Bommel, Giovanni van Bronckhorst und Deco an ihre Fenster. Alle sangen mit. Vielleicht der schönste Moment meiner Laufbahn.

Schöner als jeder Torerfolg?
Kennen Sie das Gefühl, wenn man als Kind seine Geburtstagsgeschenke auspacken darf?

Man ist aufgeregt.
Kurz bevor ich ein Tor erzielte, spürte ich diese kindliche Aufregung. Ein Wahnsinnsgefühl. Nur einmal konnte ich mich nicht freuen.

Lassen Sie uns raten: Nur knapp 100 Tage nachdem Sie Celtic im Jahr 2004 in Richtung Barcelona verlassen hatten, erzielten Sie in der Champions League für den FC Barcelona ein Tor gegen Celtic.
Sieben Jahre lang haben sie im Celtic Park nach jedem Tor von mir die Titelmelodie von »Die Glorreichen Sieben« gespielt. Dieses Mal war es totenstill, manche Zuschauer pfiffen sogar. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Dabei hatten Sie nur Ihren Job gemacht.
Ich verdanke Celtic alles. Der Klub hat mein Haus bezahlt, mich finanziell unabhängig gemacht und zu dem Menschen werden lassen, der ich heute bin. Ich habe die Celtic-Fans geliebt! Und an diesem Abend stach ich ihnen mit meinem Tor mitten ins Herz. Aber ich war in diesem Moment nun mal Spieler des FC Barcelona.

Henrik Larsson, Sie haben nahezu alle großen Titel in Europa gewonnen und bei den größten Klubs gespielt. Was war die dunkelste Stunde in Ihrer Karriere?
Der 6. Juni 2009. Nach einem Länderspiel gegen Dänemark saß ich in der Kabine. Ein Betreuer gab mir mein Handy und sagte, ich solle sofort meine Frau anrufen. Ich antwortete, dass ich erst noch duschen wolle. Er sagte nur: »Es ist ernst!« Mein erster Gedanke war, dass unseren Kindern etwas passiert sei.

An diesem Tag starb Ihr jüngerer Bruder im Alter von nur 35 Jahren.
Er war seit Jahren drogenabhängig. Wir wussten, dass dieser Tag kommen würde. Ich habe mit ansehen müssen, wie er zugrunde ging, und konnte nichts tun. Ich, der Fußballstar, der in ganz Europa gefeiert wurde, der sich unbesiegbar fühlte, war hilflos. Ich hatte alles, er lebte in der Hölle. In diesen Momenten begriff ich, dass Fußball, mein Lebensinhalt, unwichtig ist. Ich beschloss, meine Karriere zu beenden.

In der Folge kritisierten Sie die schwedischen Medien für ihr Verhalten.
Sie verdienten Geld mit unserem Leid. Das hat mich angewidert. Journalisten verlangten immer von mir, dass ich mich professionell verhalte, weil ich ein Vorbild für viele sei. Doch in dieser Situation haben sie ihre Maske fallen lassen. Was war mit ihrer eigenen Vorbildfunktion?

Was hat Sie am meisten schockiert?
Die Abendzeitungen titelten bereits »Larssons Bruder tot aufgefunden«, als ich noch auf dem Platz stand. Das ganze Land wusste also Bescheid, bevor ich es erfuhr. Journalisten belagerten unser Haus, lauerten meinen Eltern auf und versuchten mit allen Mitteln, an Informationen zu kommen. Ich hätte das ausgehalten, aber meine Familie war ihnen schutzlos ausgeliefert. Das werde ich manchen Menschen niemals verzeihen.

Welches Verhältnis hatten Sie vor seinem Tod zu Ihrem Bruder?
Ich habe jeden Tag an ihn gedacht und tue es noch heute. Die Ungewissheit - Wie geht es ihm? Wo ist er gerade? - hat mich aufgefressen. Doch kein Arzt und kein Geld der Welt konnten seine Dämonen vertreiben. Er hat sogar seinen Namen gewechselt, um mich vor seinem Leben zu schützen.

Wie klein wird die Karriere, wenn man das erlebt hat?
Ich habe gesehen, wie meine Eltern um zehn Jahre alterten, als sie ihren Sohn zu Grabe trugen. Ich würde jeden Titel, jedes verdammte Tor und jeden Tag meiner Karriere eintauschen, wenn mein Bruder gesund unter uns weilen würde. Aber das geht nicht. Dieser Schmerz wird immer bleiben.

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HINWEIS: Das Interview erschien erstmals im Juli 2014 in unserem Magazin