Haut Heidenheim heute Hertha raus, Marc Schnatterer?

»Ich habe den Strafraum mit einer Schneeschippe geräumt«

Kennen Sie die Fans denn persönlich?
Selbstverständlich. Ich kenne einige beim Namen. Ich bin ja schon seit acht Jahren hier. Es sind sogar Freundschaften entstanden. Man braucht natürlich Menschenkenntnis, um zu wissen, wie der ein oder andere tickt. Aber manchmal passt es einfach. Dann werden Fans zu Freunden. Dann sieht man sich nicht nur im Stadion, sondern auch privat.

Also ist der Verein tatsächlich so familiär, wie viele sagen?
Ja. Wir duzen zum Beispiel den Trainer. Und die Mitarbeiter sind schon länger im Verein, hatten teilweise auch schon andere Funktionen. Auch das Stadion hat einen familiären Charakter. Es gibt auf der Gegengerade einen Kiosk, der seit den ersten Stadiontagen dort steht. Die Tribüne wurde drumherum gebaut.

Sind Sie ab und an noch dort?
Ab und zu schaue ich vorbei, weil ich die Leute, die dort arbeiten, schon seit Ewigkeiten kenne. Aber unmittelbar nach dem Spiel ist es schwierig, weil noch viele Leute dort sind und man dann auch froh ist, wenn man nach Hause kommt.

Inwiefern versprüht Heidenheim Charme? Versuchen Sie bitte, das in Worte zu fassen.
Bei uns ist alles nicht so groß - und vielleicht auch ein bisschen anders. Ein Beispiel: Jeder Spieler hat sein Ersatztrikot zu Hause. Wenn man ein Trikot verschenkt oder tauscht, muss man dafür sorgen, wieder eines von zu Hause mitzubringen. Sonst steht man beim nächsten Spiel ohne da. Das ist in vielen Vereinen sicher anders. Und ich erinnere mich noch an eine Anekdote zu Regionalliga-Zeiten: Wir spielten gegen Wehen Wiesbaden II und lagen nach ein paar Minuten 0:1 zurück. Es schneite heftig, deswegen unterbrach der Schiedsrichter das Spiel und ich rannte wie von der Tarantel gestochen in die Kabine. Kurz darauf kam ich mit einer Schippe wieder heraus und räumte den Strafraum frei, damit wir weiterspielen können. Dann halfen mir ein paar Leute. Am Ende haben wir 2:1 gewonnen.

Ist die Mannschaft denn reif genug, um auch ein derzeitiges Topteam der Bundesliga zu schlagen?
Ich glaube, dass wir einen Schritt weiter sind als im Vorjahr, als wir gegen Wolfsburg mit 1:4 ausgeschieden sind. Wir haben dazugelernt. Aber wenn es bei der Hertha läuft, dann wird es enorm schwer für uns. Ich glaube nicht, dass Spieler wie Salomon Kalou Heidenheim vor der Auslosung gekannt haben. Das darf man ihm auch nicht verübeln, man muss uns nicht kennen. Aber jetzt lernt er eine neue Stadt und ein neues Stadion kennen. Und wir werden alles dafür tun, dass er Heidenheim in nicht allzu guter Erinnerung behält.

Glauben Sie, dass die Hertha besonders motiviert ist, weil Ihr Traum vom Pokalfinale im eigenen Stadion lebt?
Klar ist das eine Motivation. Aber es kann auch belasten. Wenn das Finale im eigenen Stadion stattfindet und du noch nie dabei warst, kann das auch hemmen. Alle gehen davon aus, dass die Hertha gewinnt. Vielleicht reden sie deswegen eher vom Halbfinale als von dem Spiel bei uns.

Als Sie nach Heidenheim kamen, hätten Sie wohl nicht zu träumen gewagt, mit dem Klub irgendwann im Pokalviertelfinale zu stehen. Oder?
Natürlich nicht. Die Anfangszeit war etwas holprig. Damals war ich 22. Ich war zuvor zwei Jahre in Karlsruhe. In Heidenheim war alles idyllisch und beschaulich, wir haben in der 4. Liga gespielt. Da habe ich mir als junger Mensch schon Gedanken gemacht, ob das alles ist, was mich erfüllt und was passiert, wenn es mit dem Fußball nicht weitergeht. Ich habe überlegt, einen anderen Weg einzuschlagen und vielleicht Sportmanagement zu studieren. Ich bat den Trainer, mir übers Wochenende freizugeben, ich fuhr zu meinen Eltern und besprach das mit ihnen. Es ging nie darum, dass ich mich nicht wohl gefühlt hätte im Verein. Nach drei, vier Tagen bin ich wieder durchgestartet.

Allerdings erst nach einem Gespräch mit Geschäftsführer Holger Sanwald.
Ja. Das war eines der wenigen Gespräche unter vier Augen, bei denen es etwas lauter wurde. Er hat mir in aller Deutlichkeit gesagt, dass es wichtig ist, sich durchzubeißen. Ich habe mir das angehört und in diesem Moment nicht allzu viel dazu gesagt. Er hat mich richtig angepackt und mir gesagt, dass die Ehen, die so beginnen, am längsten halten. Er hat Recht behalten, ich bin seit acht Jahren da. Heute schmunzeln wir darüber.