Hatten Sie eigentlich Angst vor der Eta, Jupp Heynckes?

»Hertha spielt gegen eine ganze Stadt«

Was hat das für Ihre Arbeit bedeutet?
Mit jungen Spielern zu arbeiten und sie auf ihrem Weg zu begleiten, das hat mir immer viel Freude bereitet. Als ich in Bilbao angefangen habe, habe ich mir die zweite Mannschaft angeschaut und gleich fünf Spieler zu uns hoch geholt. Die sind alle Profis geworden, in kürzester Zeit. Die Jungs in den Jugendmannschaften haben alle ein Ziel: Sie wollen Profi bei Athletic werden. Das ist der Traum der Jugend in Bilbao. Das ist das Größte. Da können Sie sich wahrscheinlich auch vorstellen, was die alles dafür tun und was für Spieler sie als Trainer bekommen: Die sind ehrgeizig, engagiert, diszipliniert, höflich, gut erzogen. Die musst du nicht zum Futtertrog tragen, die wollen weiterkommen.

War Ihnen von Anfang an bewusst, worauf Sie sich bei Athletic eingelassen haben?
Ich hatte mich natürlich informiert. Nach meiner Entlassung bei den Bayern hatte ich angefangen, Italienisch zu lernen. Die italienische Liga war zu der Zeit führend in Europa. Und zu welchem Verein in der Bundesliga hätte ich nach vier Jahren bei Bayern München gehen sollen? Ich wollte ins Ausland. Im Mai kam Athletic. Ich war jung, unverbraucht und abenteuerlustig.

War Bilbao ein Abenteuer?
Nachdem ich das Angebot bekommen hatte, habe ich mir ein Spiel von Athletic bei Espanyol Barcelona angeschaut. Das ging 0:2 verloren. Es war furchtbar. Danach habe ich den Manager angerufen: »No, no, diese Mannschaft werde ich nicht trainieren.« Daraufhin sagt er: »Jupp, wait! Gegen Espanyol waren fünf Stammspieler nicht dabei.« Geflunkert haben die natürlich auch. Ich sollte am Samstag zum Spiel gegen Real Sociedad kommen. Das war ein Derby, volles Haus, tolle Atmosphäre. Da haben sie 3:1 gewonnen, und da konnte man schon ein bisschen Athletic sehen, den Kampfgeist. Die sind gerannt ohne Ende. Gekämpft haben sie immer, wie verrückt. Das Erste, was ich gesagt habe, war: »Leute, ihr müsst mal mehr Fußball spielen und weniger rennen.« Das haben wir auch irgendwann hinbekommen.

Worauf muss sich Hertha beim Spiel in Bilbao einstellen: nicht nur gegen eine Mannschaft mit elf Fußballern anzutreten - sondern gegen eine ganze Stadt?
Gegen eine ganze Stadt und eine ganze Region. Bilbao ist eine Fußballstadt, Fußball ein Fest. Vorher gehen die Leute in die Tapas-Bars, trinken was, essen was, diskutieren. Und dann geht’s zum Fußball. Natürlich zu Fuß. Das Stadion San Mames liegt ja mitten in der Stadt. Das ist eine Atmosphäre so ähnlich wie in Liverpool. Traumhaft. Der Fan stirbt für Athletic.

Kennen Sie das neue Stadion?
Noch nicht. Die haben mich eingeladen. Aber ich muss nach Madrid, ich muss nach Bilbao - ich hab’ keine Zeit. Mit dem Präsidenten von damals habe ich heute noch Kontakt. Der kommt nicht über den gelben Pullover hinweg.