Hat Schalke 04 ein Antisemitismus-Problem?

»Es gibt eine gewisse Verdrossenheit«

Im Juli 2014 wurde die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen attackiert. Im Stadion sind gelegentlich antisemitische Sprüche zu hören. Wie geht Schalke 04 damit um? 

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Markus Mau, Sie sind Leiter des Schalker Fanprojekts und einer der Organisatoren der heutigen Podiumsdiskussion »Zwischen Abgrund und Aufbruch«. Hat Schalke ein Antisemitismus-Problem?
Das denke ich nicht. Die Schalker Fanszene bezeichnet sich selbst als unpolitisch, lehnt jedoch Rassismus und Diskriminierung in jeder Form ab. Dennoch kommt es in Einzelfällen zu antisemitischen Äußerungen oder Handlungen, wie etwa im Juni 2014, als bei der Gelsenkirchener Synagoge Fensterscheiben eingeworfen wurden.

Gibt es noch mehr solcher Vorfälle?
An Spieltagen haben wir, wie fast jeder andere Verein auch, mit Diskriminierungen im Stadion zu kämpfen. Schwulenfeindliche Äußerungen Einzelner zum Beispiel. Gegen diese Vorfälle wollen wir uns positionieren und die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren.

Der Verein hat die Kosten für die Reparatur der Synagoge übernommen, obwohl keine Verbindung zwischen Tätern und Fans nachgewiesen werden konnte. Woraus resultiert dieses ungewöhnliche Engagement?
Der Verein und das Fanprojekt haben bereits vor diesem Vorfall häufiger Veranstaltungen in Kooperation mit der jüdischen Gemeinde organisiert. Beispielsweise haben wir die Ausstellung »Tatort Stadion« gemeinsam in der Synagoge und im Vereinsmuseum durchgeführt. Außerdem haben wir eine Erinnerungstafel an der sogenannten »1000-Freunde-Mauer« angebracht, um den ermordeten jüdischen Vereinsmitgliedern zu gedenken. Die engen Kontakte bestehen also bereits seit längerem und sollen nun bei der Podiumsdiskussion weiter vertieft werden.

Was erhoffen Sie sich außerdem von dieser Veranstaltung?
In erster Linie soll es darum gehen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Verein in seiner Vergangenheit jüdische Mitglieder hatte und auch heute noch hat. Sie haben sich sehr stark für den Verein eingesetzt und ihn dorthin gebracht, wo er heute ist. Wir wollen zeigen, dass jüdische Vereinsmitglieder damals wie heute dazu gehören und dass es eine Selbstverständlichkeit für uns ist, jedem einen Zugang zum Verein zu ermöglichen, unabhängig davon, welcher Glaubensgemeinschaft er angehört.

Wenn in Deutschland über Rassismus oder Diskriminierung in Fußballstadien gesprochen wird, ist Antisemitismus oft nur ein Randthema. Woran liegt das?
In meinen Augen ist Antisemitismus genauso ein wichtiges Thema wie Homophobie oder Rassismus im Allgemeinen – da sollte man nicht unterscheiden. Ich fürchte aber, dass viele der Meinung sind, das Thema Antisemitismus sei ausreichend aufgearbeitet, woraus eine gewisse Verdrossenheit resultiert. Das sehen wir definitiv anders. Wir sind davon überzeugt, dass die Erinnerung an unsere Geschichte immer wieder aktualisiert werden muss, damit heute die richtigen Lehren gezogen werden können.

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Heute Abend lädt das Schalker Fanprojekt zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Antisemitismus (»Zwischen Abgrund und Aufbruch«). Mit dabei ist auch Werkstatt- und 11FREUNDE-Autor Ronny Blaschke. Die Veranstaltung findet in der Neuen Synagoge Gelsenkirchen (Georgstr. 2, 45879 Gelsenkirchen) statt. Der Eintritt ist frei.