Hat Albanien eine Chance gegen Frankreich?

»Die stolzesten Menschen der Welt!«

Linksverteidiger Ansi Agolli ist mit 33 Jahren der Routinier des albanischen Nationalteams. Vor dem Spiel gegen Frankreich sprachen wir mit ihm über Disziplin und Bier.

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Ansi Agolli, Albanien ist das erste Mal bei einer EM dabei. Ihr schönstes Erlebnis bislang?
Puh, wie soll ich da eine Szene hervor heben? Für mich ist das immer noch surreal, dass wir dabei sind. Allein diese Tatsache ist einfach großartig. Ich genieße jede Sekunde.

Bekommen Sie mit, was in der Heimat los ist?
Im Moment sind die Albaner die stolzesten Menschen auf der Welt! Überall im Land wehen die Fahnen, singen sich die Leute für uns die Seele aus dem Leib. Natürlich bekommen auch wir Spieler das mit, wir brauchen das, um uns in Turnierstimmung zu bringen. Das Gefühl ist überwältigend. Gleichzeitig lastet aber auch ein enormer Druck auf uns – aber das nehmen wir gerne in Kauf, um unsere Landsleute glücklich zu machen.

Albanien ist vermutlich eines der Länder, über die deutsche Fans am wenigstens wissen. Ändern Sie das doch bitte und verraten uns die Stärken und Schwächen der Nationalmannschaft.
Wir leben von unserem Mannschaftsgeist, unserem Spirit. Also das, was Fußball für mich ausmacht. Die Harmonie in unserer Mannschaft ist wirklich fantastisch, vielleicht sogar einzigartig bei diesem Turnier. Und jeder von uns möchte bei dieser EM das Beste aus sich herausholen. Wir vergießen hier unser Herzblut, das ist unsere große Stärke. Und gleichzeitig wissen wir natürlich um unsere Schwächen: Wir haben keine herausragenden Einzelspieler, keinen Messi, keinen Ronaldo. Und wir sind sehr unerfahren – wie das nun mal so ist als Debütant.

Albaniens Trainer ist Giovanni De Biasi. Bitte beschreiben Sie uns seine Philosophie und seine taktische Ausrichtung?
Er fordert eiserne Disziplin, taktische Verlässlichkeit und das jeder Spieler in jeder Minute alles gibt. Der Trainer hat die Mentalität dieser Mannschaft nachhaltig geändert und uns zu einer echten Einheit geformt. Es ist kein Wunder, dass er es war, der uns nach Frankreich geführt hat.

Das erste Spiel gegen die Schweiz ging knapp mit 0:1 verloren, Auslöser der Niederlage war die frühe Gelb-Rote Karte für ihren Kapitän Logik Cana nach 36 Minuten. In deutschen Amateurvereinen müsste er dafür mindestens einen Kasten Bier blechen. Wie hält man das in Albanien?
Sie wissen doch, dass sich auch der Außenseiter kein Bier vor dem Spiel leisten kann. (Lacht.) Ich fühle wirklich mit Lorik, schließlich ist die EM-Teilnahme der Höhepunkt seiner Karriere, und er ist einer unserer wichtigsten Spieler. Und dann muss er im ersten Spiel so früh vom Platz, das ist mehr als unglücklich. Aber hey, so ist Fußball und das Spiel lebt nun mal davon, dass genau so was passieren kann. Jetzt geht es darum, dass wir als Team reagieren und damit fertig werden.

Nun treffen Sie in Marseille auf den Gastgeber Frankreich. Was erwarten Sie sich von dem Spiel?
Es wird hart, es wird verdammt schwierig, wir spielen gegen den Gastgeber und einen der Mitfavoriten auf den Titel – aber genau wegen solcher Spiele sind wir doch hier! Ich kann den Anpfiff kaum erwarten.

Wie werden Sie gegen Frankreich spielen?
Jetzt muss ich Ihnen eine Fußballer-Antwort geben: Da fragen Sie besser den Trainer! Der wird sich schon was einfallen lassen, selbst gegen den Gastgeber. Wir Spieler sind bereit, um jeden Zentimeter zu kämpfen. Wir haben Respekt vor den Franzosen – aber ganz sicher keine Angst.

Haben Sie die Krawalle in Marseille verfolgt?
Ja, natürlich, so was geht an keinem Spieler vorbei. Dass so was passiert, ist natürlich eine Tragödie. Solch ein Turnier ist dafür da, dass Fans aus ganz Europa zusammen kommen und gemeinsam feiern. Und nicht, um sich blutig zu schlagen. Die albanischen Fans haben in Lens beim Spiel gegen die Schweiz gezeigt, wie man friedlich feiert, darauf bin ich stolz.

Haben sie schon Pläne, wie sie einen möglichen Sensationssieg bei dieser EM feiern?
(Lacht.) Allein die Teilnahme ist für mich eine einzige Feier. Und ich kann ihnen verraten, dass die Party nach dem entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Armenien legendär war! Aber ganz ehrlich: Für mich ist es der größte Erfolg, dass wir die Herzen unserer Fans gewonnen haben. Alles, was jetzt noch kommen sollte, ist die Kirsche auf der Torte.