Harun Arslan, der Berater von Joachim Löw

»Jogis Frisur geht mich nichts an«

Joachim Löw ist längst mehr als nur ein Fußball-Trainer, der 54-Jährige ist eine Marke geworden. Verantwortlich für die steile Karriere des Bundestrainers ist ein stiller Mann aus Hannover: Harun Arslan. Wir haben ihn besucht.

Harun Arslan, was macht ein Mensch, der auf seinem Klingelschild »Sportmarketing« stehen hat?
Er bespricht Verträge mit Auftraggebern, Arbeitgebern und Werbepartnern, er kümmert sich um sämtliche organisatorische Dinge. Kurzum: Er ist seinen Klienten bei ihrer Karriere behilflich.
 
Zu Ihren Klienten gehören neben einigen Fußballern auch Trainer. Darunter Tayfun Korkut, Mirko Slomka, Eric Gerets, Hansi Flick und Joachim Löw. Wie unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit einem Trainer von der mit einem Spieler?
Einen Trainer muss ich nicht mehr im eigentliche Sinne beraten. Das sind Männer, die bereits ein gewisses Alter haben, ihr Metier kennen und mit beiden Beinen im Leben stehen. Denen muss ich nicht mehr erklären, wie die Welt funktioniert. Deshalb sehe ich mich für diese Klienten auch eher als Manager. Das trifft es eher.
 
Der Kontakt zu Joachim Löw kam 1998 kurz vor seinem Wechsel zu Fenerbahce Istanbul zustande. Sie sollen ihn einfach angerufen haben, um ihm von der Trainersuche in Istanbul zu berichten. Wie darf man sich das vorstellen?
Ich bin in Istanbul geboren und hatte 1998 bereits gute Kontakte in die türkische Fußballszene. Fenerbahce suchte einen geeigneten Trainer und bat mich um Unterstützung. Also klingelte ich bei Jogi Löw durch.
 
Sie waren sich zuvor noch nie begegnet. Woher hatten Sie seine Nummer?
Berufsgeheimnis! (lacht)
 
Wie kamen Sie auf Löw?
Jogi hatte den VfB Stuttgart in seinen zwei Jahren als Cheftrainer zum Pokal-Sieg, ins Finale um den Europapokal der Pokalsieger und auf Platz vier in der Bundesliga geführt. Und das mit spektakulärem Offensivfußball – man denke nur an das »Magische Dreieck«! Er hat mir als Trainer sehr imponiert und ich war mir sicher, dass er gut zu einem Spitzenklub wie Fenerbahce passen würde. Letztlich trafen wir uns gemeinsam mit dem Fener-Präsidenten und brachten den Vertrag unter Dach und Fach.
 
Der türkische Fußball unterscheidet sich vom deutschen Fußball, auch die Mentalität ist eine andere. Haben Sie je daran gezweifelt, dass Löw sich in der Türkei zurecht finden würde?
Nein. Er war damals schon sehr entschieden in seinem Auftreten und seiner Art. Seine Idee vom Fußball, wie er ihn sehen möchte, war damals die gleiche wie heute. Mit Erfolg: Noch heute schwärmen sie bei Fenerbahce davon, wie die Mannschaft damals unter dem Trainer Löw Fußball spielte.
 
Sie haben sich als ziemlich guter Ratgeber erwiesen?
Jogi hat sich jedenfalls bis heute nicht bei mir beschwert. Und dass er mich seither als Manager beschäftigt empfinde ich ebenfalls als gutes Zeichen.
 
Seitdem sind 16 Jahre vergangen. Wie sehr hat sich Löw in dieser Zeit verändert?
Gar nicht. Als wir uns kennenlernten, war er ja bereits 38, also ein gestandener Mann.
 
Für einen Trainer ist das kein besonders hohes Alter.
Sicherlich ist Jogi an Erfahrungen reicher geworden, aber sein Charakter und seine Denkweise in Sachen Fußball haben sich nicht viel verändert.


 
Wie viel Ahnung haben Sie von seiner Kernkompetenz Fußball?
Ich habe früher zwar auch gespielt, aber nur als Amateur. So oder so würde ich mir nie anmaßen, mich auf Augenhöhe mit meinen Klienten über ihren Job unterhalten zu können. Schon gar nicht mit dem Bundestrainer und seinem Assistenten!
 
Haben Sie jemals darüber nachgedacht, einen Trainerschein zu machen, um noch mehr über den Beruf Ihrer Klienten zu erfahren?
Nein. Meine Klienten brauchen meine Hilfe und Erfahrung in anderen Teilen des Geschäfts. Ich muss ihnen nicht sagen, welche Spieler sie einwechseln sollen oder wie sie die Flanken zu schlagen haben.
 
2004 holte Nationaltrainer Jürgen Klinsmann Löw als seinen Assistenten zum DFB, nach der WM 2006 beerbte der Lehrling seinen Chef. Welche Auswirkungen hatte das »Sommermärchen« auf die weitere Karriere von Joachim Löw?
Schwer zu sagen. Fußball ist ein so schnelllebiges Geschäft, da kann sich in wenigen Wochen oder Monaten die Stimmung radikal ändern. Noch kurz vor der Weltmeisterschaft stand der damalige Bundestrainer schwer in der Kritik, dann haben ein paar Fußballspiele das ganze Land euphorisiert. Das tolle Turnier hat jedenfalls dafür gesorgt, dass die gute Zusammenarbeit zwischen dem DFB und Joachim Löw fortgeführt wurde.
 
Würden Sie sich als Fußball-Fan bezeichnen?
Klar.
 
Denken Sie bei Spielen manchmal: »Wen wechselt der denn da jetzt wieder ein?«
Nein. Erstens werde ich beim Fußball nicht so emotional wie vielleicht andere. Zweitens zweifle ich nicht eine Sekunde daran, dass die Trainer viel besser wissen, was sie da tun, als ich.
 
Schauen Sie anders Fußball, seit Sie als Berater bzw. Manager in diesem Geschäft tätig sind?
Das durchaus. Allerdings nur, wenn es um die Spieler geht. Weil ich, anders als vielleicht der gemeine Fan auf der Tribüne, weiß, ob Spieler X zu 100 Prozent fit ist oder leicht angeschlagen ist. Bei harten Zweikämpfen zucke ich dann schon mal zusammen.
 
Sie werden allerdings auch in Sachen Joachim Löw mehr wissen, als Otto Normalfan. Empfinden Sie deshalb nicht Kritik an seiner Person beizeiten als ungerecht?
Ich hätte mir zunächst schon gewünscht, dass nach dem verlorenen EM-Halbfinale 2012 gegen die Italiener differenzierter berichtet und diskutiert worden wäre. Ich wusste ganz genau, wie hart Jogi und seine Mannschaft im Vorfeld und während der Europameisterschaft gearbeitet hatten. Die harte Kritik am Ausscheiden hatten sie nicht verdient. Es brauchte seine Zeit, bis ich begriff, warum der Frust bei den Fans so groß war.
 
Wie lautet Ihre Erklärung?
Die Nationalmannschaft hatte sich mit ihrem aufregenden Stil in die Herzen der Zuschauer gespielt. Das Ausscheiden traf die Deutschen deshalb doppelt so hart, sie reagierten unverhältnismäßig heftig. Wie beim Fehltritt eines Familienmitglieds. Da sind auch ganz andere Emotionen im Spiel, als wenn es um einen Fremden oder losen Bekannten gehen würden.
 
Joachim Löw wird heute als eine Art Stilikone wahrgenommen. Das war 1998 noch nicht so. Haben Sie ihm schon mal geraten, zum Frisör zu gehen oder sich neu einzukleiden?
Nie. Weil mich das nichts angeht und mich auch nicht interessiert. Ich glaube auch, dass sich Jogi Löw viel weniger Gedanken über sein Äußeres macht als sie vielleicht annehmen. Aber wie vermutlich jeder andere Mensch, der häufig in der Öffentlichkeit steht, wird sich Jogi morgens noch einmal die Haare kämmen, bevor er aus dem Haus geht.
 
Wie viele Werbeverträge für Ihren prominenten Klienten haben Sie schon ablehnen müssen?
Das waren einige. Jogi macht nur einen Bruchteil von dem, was ihm angeboten wird.
 
Weil die Angebote so schlecht sind?
Weil bei ihm grundsätzlich wenig Bereitschaft besteht, überhaupt für irgendetwas Werbung zu machen. Jedes seriöse Angebot wird von uns auch seriös behandelt.
 
Würden Sie Joachim Löw als einen Freund bezeichnen?
Ja.
 
Können Sie Privates und Berufliches gut voneinander trennen?
Ganz wunderbar sogar. Jogi freut sich ja auch darüber, mal über etwas anderes zu sprechen, als Fußball.
 
Was sind das für Themen?
Alles, was Jogi und ich gerade so interessant finden.
 
Raucht der Bundestrainer eigentlich noch so viel wie früher?
So viel ich weiß, raucht er gar nicht mehr.
 
Haben Sie ihm das abgewöhnt?
Sie überschätzen meinen Einfluss auf ihn ganz gewaltig.
 
Sie sprechen offenbar nicht gerne über private Angelegenheit zwischen Ihnen und Joachim Löw.
Gut geraten. (lacht)
 
Löw steht vor allem dann unter nationaler Beobachtung, wenn er nach den Länderspielen im Fernsehstudio Rede und Antwort stehen muss. Schauen Sie sich die Interviews an?
Ab und an. Allerdings nur dann, wenn ich mir die Spiele zuhause ansehe und nicht im Stadion.
 


Merken Sie dann, wenn es nach schlechten Spielen oder bei bestimmten Fragen in ihm brodelt?
Natürlich. Wenn man sich so lange kennt, ist das doch ganz normal.
 
Kann er seine Emotionen gut verstecken?
Er ist der Bundestrainer. Und er verhält sich so, wie man es von einem Bundestrainer erwartet.
 
Was meinen Sie damit?
Auch er darf mal aus der Haut fahren. Schließlich ist er ein Mensch und ein Mensch darf seine Emotionen zeigen, selbst wenn er so in der Öffentlichkeit steht. Allerdings sitzen bei diesen Interview viele Millionen Menschen vor dem Fernseher und erwarten eine sachlich-fachlich präzise Analyse des Spiels vom Nationaltrainer. Das tut Jogi Löw meiner Ansicht nach sehr gut.
 
Löw ist inzwischen 54. Gibt es auch Sicht eines Beraters/Managers eigentlich eine Altersgrenze für Fußballtrainer?
Nein. Genauso wenig, wie es Pläne im Fußball gibt. Dafür ist dieses Geschäft viel zu wenig vorhersehbar. Aber das ist ja auch das Faszinierende am Fußball: Dass man das Spiel nicht planen kann.
 
Erschwert das Ihre Aufgabe nicht ungemein?
Ich sehe das eher als Herausforderung. Und gedanklich schon zwei oder drei Monate weiter als meine Klienten zu denken, gehört natürlich auch zu meinem Handwerk.
 
Sind Sie schon mal mit Joachim Löw durchgegangen, welche Länder, Ligen oder Verein für ihn in ferner Zukunft noch in Frage kommen könnten?
Nein, das wäre Spekulation und deshalb nichts für uns. Außerdem würde Jogi nicht seine wertvolle Zeit verschwenden, sich über etwas Gedanken zu machen, was ihn gegenwärtig nicht zu kümmern braucht.
 
Dafür sind Sie ja da.
Das haben Sie jetzt gesagt. (lacht)
 
Die WM 2014 steht vor der Tür. Welche Erwartungen haben Sie an die deutsche Nationalmannschaft?
Ich erwarte gar nichts. Aber ich weiß, wie intensiv in der Mannschaft gearbeitet wird, um dieses Jahr den Titel zu gewinnen. Sie ist dazu durchaus in der Lage. Allerdings würde ich auch eine Niederlage im Halbfinale nicht als Katastrophe bewerten.
 
Harun Arslan, jetzt ist ein wenig Fantasie gefragt. Nehmen wir an, Deutschland wird Weltmeister und der Tross der Nationalmannschaft lässt sich auf dem Balkon am Frankfurter Römer feiern. Im Überschwang der Gefühle bittet Joachim Löw seinen alten Freund Harun Arslan auf die Bühne. Wie würden Sie reagieren?
Mich zuvor so gut verstecken, dass er mich gar nicht erst finden würde!