Harry Decheiver über den Abstiegskampf

»Dortmunds Abstieg wäre eine filmreife Geschichte«

Harry Decheiver spielte insgesamt 49 mal für den SC Freiburg und Borussia Dortmund in der Bundesliga, heute treffen seine Ex-Vereine aufeinander. Im Abstiegsduell. Wie fühlt sich das an?

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Harry Decheiver, warum halten Sie heute beim Duell Ihrer beiden Ex-Klubs für Freiburg?
In Freiburg hatte ich meine schönste Zeit. Die Stimmung war immer super, wir haben guten Fußball in einer schönen Stadt gespielt. Natürlich ist Dortmund ein großer Verein, aber ich hoffe immer, dass es Freiburg gut geht.

Als Sie 1995 in der Winterpause zu Freiburg kamen, stand der Klub wie dieses Jahr auf einem Abstiegsplatz. In der Rückrunde hat die Mannschaft dann die Klasse gehalten. Was war das damalige Erfolgsgeheimnis im Abstiegskampf?
Wir hatten einfach gute Spieler. Im Jahr davor sind sie ohne mich Dritter geworden. Wenn bei Freiburg alles läuft, steht der Verein irgendwo in der Mitte der Tabelle. Wenn es schlecht läuft, spielt man gegen den Abstieg. Jens Todt, Martin Spanring, Alain Sutter, Nikola Jurcevic, Ralf Kohl, Andreas Zeyer - wir hatten eine super Mannschaft.

Dennoch: 1997 ist Freiburg abgestiegen und Sie gingen im Streit. Was ist passiert?
Ich gebe mir die Schuld. Ich bin schlecht mit der Kritik, zu wenig nach hinten zu arbeiten, umgegangen. Es hat zwischen mir, den Mitspielern und dem Trainer geknallt und dann habe ich gesagt, dass ich gehe. Dabei ist es völlig normal, dass die bestverdienenden Spieler kritisiert werden, wenn man keine Punkte holt. Heute hätte ich es anders gemacht.

Dortmund hat noch mehr Qualität als die damalige Freiburger Mannschaft und steht zwei Spiele nach Rückrundenstart immer noch auf einem Abstiegsplatz. Wie ist das zu erklären?
Die Bundesliga ist eine total gefährliche Liga. Jeder kann jeden schlagen und somit kann auch jeder absteigen. Wenn man ein paar verletzte Spieler hat, vom Pech verfolgt wird und der Druck zunimmt, kann man auch als starke Mannschaft in eine Abwärtsspirale kommen. Dennoch ist es für mich schwer zu erklären, warum Dortmund im Abstiegskampf steckt, weil sie überragende Spieler haben.

Ihr Spitzname lautete der »Knipser«, sie müssten also wissen: Hat der BVB auf der Suche nach einem Nachfolger für Robert Lewandowski Fehler gemacht?
Ciro Immobile hat in Italien super gespielt. Es ist für mich unerklärlich, warum Dortmund so wenige Tore schießt. Vielleicht braucht Marco Reus vor sich einen Spieler, der den Ball halten kann. Immobile ist ein Spieler, der in die Tiefe geht.

Es fehlt also gar nicht ein Torjäger?
Nein, den haben sie. Aber die Qualität von Dortmund ist es, überfallartig mit laufstarken Spielern nach vorne zu kommen. Da braucht es einen Stürmer, der auch anspielbar ist, wenn er mit dem Rücken zum Tor steht und dann den Ball halten kann. Wir nennen das in Holland einen »Kapstok«. Übersetzt bedeutet das »Kleiderbügel«. Ein Stoßstürmer, an dem sich das Spiel aufhängt.

Welche Schuld trifft den Trainer?
Klopp hat in Dortmund Außergewöhnliches geleistet. Einen Trainer, der mit dem Klub so viele Erfolge gefeiert hat, muss man zu hundert Prozent unterstützen.


Wäre es trotzdem denkbar, dass Jürgen Klopp bald nicht mehr Trainer von Dortmund ist?
Wahrscheinlich erst bei einem Abstieg. Ich kann mir vorstellen, dass die Vereinsführung im Falle eines Falles in der Zweiten Liga einen kompletten Neustart machen würde.