Hansi Flick über den deutschen Fußballnachwuchs

»Wir brauchen bessere Trainer«

Am Freitag sagte Jerome Boateng, die DFB-Elf könne eine Ära begründen wie Spanien. Und was kommt danach? DFB-Sportdirektor Hansi Flick über den deutschen Nachwuchs.

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Hansi Flick, haben Sie vorigen Montag auch vor dem Transferticker verbracht?
Das nicht. Aber es hat mich natürlich interessiert, was sich alles noch getan hat.

Mal angenommen, Sie wären nicht Sportdirektor beim DFB, sondern beim VfL Wolfsburg: Was würden Sie mit Transfereinnahmen von 100 Millionen Euro machen?
Gut, dass ich beim DFB keine Spieler kaufen muss (lacht). Ich finde, dass in Wolfsburg hervorragend gearbeitet wird. Da ist ein Konzept erkennbar.

Man kann beklagen, dass die Liga interessante Spieler verliert; man kann mit dem Geld aus England aber auch etwas Vernünftiges anfangen. Was wäre das aus Ihrer Sicht?
Für uns im deutschen Fußball muss es das Ziel sein, dass wir die beste Ausbildung bieten, die es gibt. Finanziell können wir mit England im Moment nicht konkurrieren, aber das eröffnet uns auch Chancen. Ich habe mir das Halbfinale der Youth League mit dem FC Chelsea angeschaut. Chelsea hat eine fantastische U 19, mit acht englischen Spielern im Kader. Aber von den Jungs spielt keiner bei den Profis. Vielleicht wird mal einer eingewechselt. Die Engländer haben genügend talentierte Spieler, aber gerade in dem Alter, in dem es wichtig wäre zu spielen, bekommen sie keine Spielpraxis.

Christian Heidel, der Mainzer Manager, hat gesagt: Es ist doch super, dass die Engländer so viel zahlen - wenn wir das Geld wieder in unsere Jugendarbeit investieren.
Mainz ist in dieser Hinsicht wirklich vorbildlich, sie haben für mich eines der besten Nachwuchsleistungszentren in Deutschland. Ich würde mir wünschen, dass alle Klubs diesem Beispiel folgen. Wir waren in diesem Jahr mit unseren Nachwuchsteams für alle großen Turniere qualifiziert. Das ist top. Aber wir haben auch gesehen: Wenn unsere Mannschaften unter Druck geraten, kann nicht jeder Spieler seine Fähigkeiten zu hundert Prozent auf den Platz bringen. Dann machen wir zu viele Fehler.

Woran liegt das?
Das hat etwas mit Stabilität zu tun, und damit meine ich nicht die defensive Stabilität. Ich meine mentale und kognitive Stabilität. Wir müssen über 90 Minuten mental so frisch, so stabil sein, dass wir die Dinge klar wahrnehmen und den Kopf richtig einsetzen, wenn es darauf ankommt. Wenn ein hoher Favorit gegen einen klaren Außenseiter spielt und der Außenseiter sich am eigenen Strafraum einigelt, muss der Favorit in der Lage sein, seinen Gegner zu überfordern. Dann wird er irgendwann den entscheidenden Fehler machen.

Kann man diese Stabilität trainieren?
Man muss sie trainieren. Die Spieler müssen lernen, mit stressigen Spielsituationen umzugehen. Wir haben uns in der Ausbildung enorm entwickelt. Was die Systeme angeht, sind wir schon sehr weit. Auch das technische Niveau hat sich stark verbessert. Aber gerade in den Bereichen der kognitiven Fähigkeiten und Stressresistenz können unsere Talente noch deutliche Fortschritte machen. Das Thema ist hochspannend und wird von allen Nationen vorangetrieben. Damit können wir nicht warten, bis in drei Jahren die DFB-Akademie steht. Wir müssen jetzt mit den 16-Jährigen beginnen, die können in drei Jahren schon Nationalspieler sein.

Hat Stressresistenz auch etwas mit dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu tun?
Ganz sicher. Deshalb müssen wir uns wieder mehr um die Basics kümmern: um das Eins-gegen-eins, das Passspiel. Ball an- und -mitnahme, den ersten Kontakt. Wir müssen mit dem Techniktraining schon bei den Zehn- oder Elfjährigen anfangen. Heute ist ein Top-Talent mit 17, 18 schon so weit, dass er bei den Profis spielen kann. Zu meiner Zeit hieß es: Der ist jetzt 20, gib ihm noch mal fünf Jahre.

Sie haben gesagt, dass in den vergangenen Jahren zu viel Wert auf Systeme gelegt wurde und Individualität künftig wieder über dem Team stehen müsse.
Ich habe sogar von Egoismus gesprochen, das war bewusst ein wenig überspitzt. Unsere Spieler in den Leistungszentren können alle einen perfekten Aufsatz über die Spielsysteme schreiben, aber wir müssen sehen, dass sie in den Basics top sind. Wir müssen sie ermuntern, sich spielerisch auszutoben. Ich möchte Spieler haben, deren Stärke das Eins-gegen-eins ist und die sich auch trauen, diese Qualität einzusetzen. Wer es schafft, seinen Gegenspieler auszuspielen, beschert seiner Mannschaft einen Riesenvorteil, weil dann das Gebilde des Gegners zerfällt. Wenn ich jeden Einzelnen besser mache, wird auch die Mannschaft automatisch besser. Mein früherer Trainer Udo Lattek hat immer zu uns gesagt: »Ich mache euch einen Kopf größer.«

Hockey-Bundestrainer Jamilon Mülders beklagt bei seinen Spielerinnen Schwächen im individuellen Abwehrverhalten und führt das auch darauf zurück, dass es uncool sei, zu verteidigen. Dieses Phänomen scheint es nicht nur im Hockey zu geben.
Es gibt ja sogar Fußballtrainer, die gesagt haben: Ich brauche keine Zweikämpfe mehr. Wenn der Gegner in Ballbesitz ist, schaffe ich Überzahl, setze ihn unter Raum-, Zeit- und Gegnerdruck und gewinne dadurch den Ball; und wenn ich in Ballbesitz bin, habe ich bei Überzahl immer die Möglichkeit, einfach abzuspielen. Aber wenn ich hinten in Überzahl bin, kann ich vorne nicht in Überzahl sein. Deshalb gehört das Eins-gegen-eins für mich zu den Basics. Defensiv wie offensiv. Mir ist es doch lieber, ich habe einen starken Innenverteidiger, der allein gegen den einen Stürmer des Gegners spielen kann, anstatt ihm noch zwei oder drei Spieler zur Absicherung an die Seite zu stellen. Die Verteidiger sollen sich nicht auf den Nebenmann oder das System verlassen, sie sollen wissen, dass sie sich individuell mit den Besten der Besten messen  können. Wenn ein Verteidiger sich im Eins-gegen-eins wohlfühlt, weil er das schon tausend Mal gemacht hat, dann bin ich in der Ausbildung einen großen Schritt vorangekommen.

Was kann der deutsche Fußballnachwuchs ausgesprochen gut?
Wir bewegen uns schon auf einem sehr guten Niveau. Das merke ich auch daran, welch hohe Meinung andere Nationen von dem haben, was wir leisten. Aber wir können noch viel besser werden. Ein Beispiel: Nur 25 Prozent der Trainer im Nachwuchs haben einen Trainerschein. Unser Anspruch muss sein, dass 50 Prozent der Trainer lizenziert sind. Mindestens. Ein guter Trainer entwickelt gute Spieler. Deshalb brauchen wir bessere Trainer. Meine Mannschaft sind jetzt die Trainer. Die Trainer sind der Schlüssel.

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