Hans-Joachim Watzke über die Arbeitsweise von Favre und Rechtsradikale im Stadion

»Er ist allenfalls besessen«

Seit 2005 sagt Hans-Joachim Watzke beim BVB, wo es langgeht. In der Zeit hat der Fußball sich rasant gewandelt. Im Interview erklärt er, warum er mit Montagsspielen eigentlich kein Problem hat – und was er von Alexander Gauland hält. 

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206

Hinweis: Das Interview erschien erstmals im Januar 2019 in 11FREUNDE #206. Die Ausgabe gibt es hier.

Hans-Joachim Watzke, gerade wurde der Attentäter auf den Mannschaftsbus des BVB zu 14 Jahren Haft verurteilt. Hat der Klub damit das Trauma überwunden?
Zweifellos war der Anschlag die härteste Prüfung, die wir hier bislang durchlaufen haben und die auch bei mir tiefe Spuren hinterlassen hat.

Seit dem Ereignis im April 2017 haben zwölf Spieler den BVB verlassen. Dazu das gesamte Trainerteam um Thomas Tuchel und zwei weitere Chefcoachs. Zufall?
Das sicher nicht. Nach dem Anschlag war nichts mehr wie zuvor. Nicht nur, was das Binnenverhältnis zwischen den Verantwortlichen und dem Trainer anbetrifft. Insbesondere die Spieler, die im hinteren Teil des Busses saßen, waren selbstredend nicht mehr dieselben. Das war ein prägender Einschnitt für alle.

Das können Sie mit Bestimmtheit sagen?
Ja. Wir waren im Viertelfinale der Champions League und überzeugt, dass wir das schaffen. Doch von einem Moment auf den anderen mussten wir für einen Fall Lösungen finden, für den es keine Blaupausen gab. Der Anschlag hat uns verändert.

In der Folge entzweiten Sie sich mit Thomas Tuchel. Nach der Trennung gelang es Peter Bosz nicht, die Mannschaft an der Tabellenspitze zu etablieren, die vorher den DFB-Pokal gewonnen und die Champions League erreicht hatte. Eine Folge des Anschlags?
Aus meiner Sicht spielte das zumindest eine Rolle, denn ein Teil der Spieler war nicht mehr in der Lage, in diesem Umfeld volles Leitungsvermögen abzurufen. Wir arbeiteten viel mit Psychologen zusammen, die uns sagten, dass posttraumatische Belastungsstörungen oft erst nach Monaten auftreten.

Und das passierte nun?
Sicher nicht bei allen, aber einige hatten Schwierigkeiten.

Als Peter Bosz von Peter Stöger im Dezember 2017 abgelöst wurde, hatte der BVB zehn Pflichtspiele in Serie nicht gewonnen und lag in der Bundesliga auf Platz acht.
Wir müssen ehrlicherweise sagen, dass wir im Sommer 2017 ein paar Fehler in der Kaderzusammenstellung gemacht haben. Zudem gab es einige Profis, die mit Tuchels Weggang haderten. Dann kam das Dembélé-Theater, die letzten Wochen mit Aubameyang waren unrühmlich. Wir waren einfach keine Einheit mehr.

War die Verpflichtung von Peter Stöger am Ende ein Akt der Verzweiflung?
Nein, die war goldrichtig. Denn Stöger hat das einzig Richtige gemacht: Er hat uns stabilisiert. Wir hatten zwischendurch auch gute Spiele gemacht, aber sobald wir auf Widerstand trafen, brachen wir ein. Stöger hat das handwerklich gelöst, indem er die Defensive stärkte, was logischerweise zuungunsten des Fußballspektakels ging – uns aber letztlich in die Champions League brachte. Wir sind ihm alle sehr dankbar und noch heute miteinander verbunden!

Ihnen war also klar, dass Stöger nur eine Übergangslösung ist und den BVB nicht neu erfindet?
Wir haben ihm gesagt, dass wir sein Engagement nur bis Sommer sehen. Aber Sie wissen selbst, wie es im Fußball läuft. Es kann sich immer eine Eigendynamik entwickeln. Im Frühjahr aber reifte die Erkenntnis, dass wir einen kompletten Neustart brauchen. Das haben wir Peter gegenüber offen kommuniziert. Zumal sich irgendwann abzeichnete, dass wir den Trainer, den wir schon im Vorjahr wollten, nun endlich bekommen könnten.

Lucien Favre. Wussten Bosz und Stöger, dass Sie ursprünglich ihn als Trainer wollten?
Peter Bosz wusste es allein, weil beide denselben Berater haben. Als Peter Stöger mitten in der Saison kam, hatten wir andere Sorgen, als ihn darüber zu informieren, welche Trainerwünsche wir in der Vergangenheit hatten. Das war für ihn auch total unwichtig.

Lucien Favre eilt der Ruf eines detailverliebten Nerds voraus. Seine Abgänge in Berlin und Gladbach waren nicht unbedingt so, wie sich manche Entscheidungsträger das gewünscht hätten. Was macht Sie zuversichtlich, dass Sie langfristig mit ihm besser auskommen als mit Tuchel?
Vorab: Natürlich sind manche Dinge nicht zu meiner Zufriedenheit gelaufen, aber es ist fraglos so, dass Thomas Tuchel hier sportlich Gutes bewirkt hat, und es gibt von meiner Seite keine Rückstände. Sollten wir uns wiedersehen, werden wir uns, vorausgesetzt er ist dazu bereit, wie Männer begrüßen und nett reden.