Hanno Balitsch interviewt Ewald Lienen

»Das hört sich schlimm an«

Mussten Sie im Ausland generell anders arbeiten als in Deutschland?
Gerade bei AEK Athen habe ich die nächste Stufe der Trainertätigkeit erklommen. Die eine ist, die Mannschaft körperlich, taktisch und psychisch fit zu machen. Aber dort musste ich dafür sorgen, dass nicht alles zusammenbricht. Der Klub hatte kein Geld mehr, weil er über Jahrzehnte von vorherigen Verantwortlichen ausgeplündert worden war. Die Spieler und die Vereinsmitar-beiter haben monatelang kein Geld bekommen. Sie sind teilweise aus ihren Wohnungen geflogen, weil sie keine Miete mehr zahlen konnten. Spieler aus Südamerika konnten kein Geld nach Hause schicken. Einmal in der Woche haben wir die Spieler zum Essen eingeladen, weil für einige selbst das Geld zum Essen knapp war. Fans haben aus Protest drei Monate lang das Vereinsgelände besetzt. Einmal musste ich mich zwischen sie und einen Spieler werfen. Sie wollten mit Eisenstangen auf den los, weil er die Nerven verloren und ihnen den Stinkefinger gezeigt hatte. Also: Da musste ich mich schon ins buddhistische Nirvana hineinentwickeln, um das auszuhalten.

Das hört sich schlimm an.
War es auch, das Schlimmste, was ich als Trainer erlebt habe. Irgendwann bin ich mal am späten Nachmittag zur Pressesprecherin ins Büro gekommen und habe zu ihr gesagt: »Hier stimmt was nicht, heute ist den ganzen Tag nichts passiert. Das erste Mal in acht Monaten gibt es kein Problem.« Da hat sie gegrinst und geantwortet: »Was du nicht weißt: Sie haben eben den Präsidenten abgeholt und ins Gefängnis gebracht.«

Hat sich die Situation in der letzten Saison in Rumänien wiederholt?
Die Mannschaft war gut, es gab einen tollen Sportdirektor, einen sehr guten Präsidenten, mit denen die Zusammenarbeit sehr viel Spaß gemacht hat. Aber wir hatten jede Woche eine Krisensitzung, in der es ums Geld ging. Denn Otelul Galati gehört einem rumänischen Unternehmer, dem der Klub angedreht worden ist, obwohl er kein Interesse an Fußball hatte. Daher war in den letzten acht Wochen der Saison auch klar, dass danach alle Unterstützung gestrichen würde. Wir sind trotzdem noch Zehnter geworden, was ein Erfolg ist, der hierzulande natürlich niemanden interessiert. Ich sage mal: Wenn in Deutschland ein Klub seinen Spielern monatelang kein Geld zahlen will, es dort auch sonst alles drunter und drüber geht, man aber trotzdem erfolgreichen und ansehnlichen Fußball spielen will, sollen sie mich anrufen.

Ich denke darüber nach, ob ich nach dem Ende meiner Spielerkarriere vielleicht Trainer werden soll. Was haben Sie da für einen Rat?
Das musst du ausprobieren. Du musst schauen, ob es Spaß macht und du einen Zugang zu dem Beruf findest. Das ist schon jetzt sinnvoll, während du noch selber spielst, und sei es nur als Co-Trainer einer C-Jugend. Da kann man gut ins Trainergeschäft hineinriechen, Einheiten leiten, sich Gedanken um die Mannschaft machen und mit Spielern arbeiten. Wir haben inzwischen viele Trainer, die keine großen Spieler waren, weil sie sich früh mit der Materie auseinandergesetzt haben. Und wenn du das machst, werde ich zu gegebener Zeit vorbeigucken und das OK geben, dass man dich auf die Spieler loslassen kann. Oder ich sage: Studiere lieber noch BWL.