Haben Sie Angst vor dem Karriereende, Stefan Kießling?

»Das ist für mich ein Unding«

Danach verlängerten Sie Ihren Vertrag.
Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, dass ich für keinen anderen Verein mehr spielen würde. Spätestens seit Dezember 2016 kann ich also getrost sagen: Meine Heimat ist Leverkusen.

Gab es Momente, in denen Ihre Loyalität Bayer Leverkusen gegenüber auf die Probe gestellt wurde?
Sie meinen Angebote anderer Klubs? Die waren mir immer egal. Ich habe meinem Berater gesagt: »Pass auf: Anfragen anderer Vereine interessieren mich nicht. Ich will davon auch gar nichts hören. Wenn ich das Gefühl haben sollte, dass es in Leverkusen nicht mehr passt, komme ich auf dich zu.«

Klingt nach einem frustrierenden Job für Ihren Berater.
Ich habe in Lever­kusen fünfmal meinen Vertrag verlängert, um meinen Berater brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Und über manche Offerten haben wir schon auch geredet. Es gab immer wieder Anfragen aus England, Arsenal war lange ein großes Thema. Aber ich kann Ihnen an einer Szene verdeutlichen, wie diese Dinge bei mir abliefen.

Gerne.
2010 kommt Rudi Völler auf mich zu und fragt: »Hat der Ali (Ali Bulut, Berater von Stefan Kießling, d. Red.) schon mit dir gesprochen?« Ich antworte »Nein« und frage, was denn los sei. Darauf sagt Rudi: »Wir haben abgeblockt. Du brauchst dir gar nicht erst Gedanken zu machen.« Ich hatte immer noch keinen Schimmer, wovon er überhaupt redete. Später kam raus, dass Rubin Kazan angerufen hatte. Die wollten 25 Millionen Euro für mich zahlen. Da dachte ich kurz: 25 Millionen Euro? Für mich? Gar nicht so schlecht! Und damit war das Ding gegessen.

Solche Summen können Spielern zu Kopf steigen.
Natürlich schmeicheln dir diese Geschichten. Da gibt es Vereine, die sehr viel Geld für dich ausgeben wollen und zu denen du problemlos hingehen könntest. Aber ich habe mich in Leverkusen immer pudelwohl gefühlt, hatte Erfolg und darüber hinaus ja auch hier kein schlechtes Geld verdient. Mir ging es nie darum, zwangsläufig möglichst viel Kohle zu machen.

Im Januar wechselte Pierre-Emerick Aubameyang nach langem Hin und Her zu Arsenal. Können Sie nachvoll­ziehen, warum manche Ihrer Kol­legen mit aller Macht Transfers er­zwingen wollen?
Nein. Überhaupt nicht. Es ist vollkommen legitim, wenn es einen Wechselwunsch gibt, und es ist auch nachvollziehbar, dass sich ein Spieler in seinem Verein mal unwohl fühlt. Aber man hat einen gültigen Vertrag und diesen Vertrag hat man unter­schrieben, weil man das selber so wollte. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Spieler zur Unterschrift gezwungen wurde. Deswegen kann ich diese Mätzchen und das Provozieren von Ärger nicht verstehen. Konkret gesagt ist das für mich ein Unding. Das hat was mit Respekt zu tun.

Wie haben Sie reagiert, wenn es Ärger um einen Ihrer Mitspieler gab?
Oft bekommt man die Entwicklungen schlicht nicht mit. Zum Beispiel bei Admir (Mehmedi, d. Red.) vor ein paar Monaten. Da stand ich gerade in der Kabine und habe eine Liste ausgehängt. Er kommt rein und ich sage zu ihm: »Admir, trägst du dich bitte kurz ein.« Er antwortet: »Nee, Kieß. Ich bin nur hier, um mich zu verabschieden. Ich bin ab morgen in Wolfsburg.« Da war ich erstmal baff. Dann haben wir kurz geplaudert, uns alles Gute gewünscht und er war weg. Zwei Minuten, das war’s.

Klingt nach eiskaltem Bundesligabusiness.
Es gibt natürlich auch Fälle, die mich treffen. Manchmal war es wirklich hart.

Zum Beispiel?
Bei Gonzo (Gonzalo Castro, d. Red.) war es übel. Auch bei René Adler war ich sehr traurig. Als Fußballer hält man den Kreis echter Freunde überschaubar, und beide gehören in diesen Kreis. Dementsprechend schmerzte ihr Abschied. Aber bei den Jungs wusste ich auch früher von ihren Plänen und habe es nicht zwischen Tür und Angel erfahren.

Warum war es die richtige Entscheidung, zwölf Jahre bei Bayer zu bleiben, statt möglichst viele verschiedene Verträge abzugreifen?
Weil es mich im Inneren erfüllt hat. Ich habe eine Beziehung zu dem Verein aufgebaut, zu den Menschen der Stadt und zu den Fans. Ich schwatze mit den Leuten auf der Geschäftsstelle und kenne hier fast jedes Gesicht. Es mag kitschig klingen, aber dieses Gefühl ist zumindest für mich unbezahlbar. Außerdem gibt es doch genug Beispiele von Jungs, die für ein bisschen mehr Kohle den Verein wechseln, nur um dann nichts mehr zu reißen. Da frage ich mich: warum? Aber vielleicht bin ich selbst mit 34 Jahren noch zu grün hinter den Ohren.

Haben Sie nie eine neue Herausforderung gesucht?
Ich bin ein Sicherheitsmensch. Ich wollte mein Leben immer planen können. Deswegen habe ich stets für fünf Jahre unterschrieben. Es heißt ja schließlich nicht umsonst Fünfjahresplan. (Lacht.)