Haben Sie Angst vor dem Karriereende, Stefan Kießling?

»Nix da. Du wirst den Verein nicht verlassen«

Fehlt es den jungen Spieler an Respekt oder fordern die alten Hasen diesen nicht mehr konsequent genug ein?
Beides. Früher haben ältere Spieler den Respekt vehement eingefordert. Bei mir in Nürnberg war das Raphael Schäfer. Der hat mich dermaßen getriezt! Selbst als ich längst Profi war.

Was hat er verlangt?
Alles, was anfiel – ich war eben der Jüngste. Ich musste die Schuhe putzen, im Mannschaftsbus war ich der Chefkoch und machte die Fertiggerichte warm, danach ver­teilte ich das Essen und die Getränke. Hätte ich im Training einen umgesäbelt, hätten mich im nächsten Moment drei Typen gleichzeitig weggegrätscht. Das gibt es nicht mehr.

Sind Sie darüber traurig?
Heute musst du die Jungs aktiv dazu auffordern, Leibchen aufzusammeln. Hätte ich damals so komisch darauf reagiert wie die Spieler jetzt, hätte ich mir sofort eine eingefangen. Und obwohl ich einst am vermeintlich falschen Ende dieser Hierarchie stand, finde ich diese Grundregeln nicht verkehrt. Aber es geht mir nicht nur um Dinge auf dem Platz.

Sondern?
Früher war es normal, zum eigenen Geburtstag eine Kleinigkeit für die anderen mitzubringen. Bei dem einen waren es belegte Brötchen, an­dere haben Kuchen gebacken. Julian Baumgartlinger hat zwar neulich mal für alle Jungs Essen bestellt. Aber eigentlich ist dieser Brauch vollkommen verschwunden. Das ist sehr schade.

Warum tun Sie sich das alles dann überhaupt noch an? Sind ein paar Kurzeinsätze in einem halben Jahr den ganzen Ärger wert?
Natürlich habe ich wenig gespielt, speziell in dieser Saison. Aber Ende der vergangenen Saison, als es um die Wurst ging und wir gegen den Abstieg spielten, habe ich unter Tayfun Korkut die letzten vier Spiele von Anfang an bestritten. Drei davon über 90 Minuten.

Gegen Köln legten Sie mit Ihrem Anschlusstreffer den Grundstein für den Klassenerhalt. Auch am letzten Spieltag in Berlin trafen Sie und ließen sich nach dem Spiel von den mitgereisten Fans feiern. Eigentlich der perfekte Moment zum Aufhören.
Das waren schöne Wochen und ich bin stolz darauf, dass ich in dieser wichtigen Zeit für den Verein da sein konnte. Nach dem Spiel gegen Hertha war ich mir nicht sicher, ob es weitergehen würde. Also rief ich Heiko Herrlich an, als er als neuer Trainer feststand. Er sagte mir, dass es sportlich schwer werden würde, ich für ihn aber auch abseits des Platzes ein wichtiger Teil des Teams sein würde. Außerdem hatte ich einen gültigen Vertrag, den ich erfüllen wollte. Und dann war da noch die Sache mit dem 400. Spiel.

Vor der Saison standen Sie bei 395 Bundesligaeinsätzen.
Und in den Klub der 400er, da wollte ich rein. Das packt nicht jeder. Also habe ich gedacht: Fünf Spiele werde ich schon schaffen. Und es hat funktioniert!

Von den bisherigen 401 Spielen haben Sie 342 für Bayer Leverkusen gemacht. Wann haben Sie gemerkt, dass Leverkusen für Sie mehr ist als ein normaler Arbeitgeber?
Ganz extrem war das vor zwei Jahren, im Dezember 2016. Da war ich schon mit einem Bein in Hannover, weil ich unter Roger Schmidt kaum noch Einsätze bekam. Ich hätte den Vertrag bei 96 nur noch unterschreiben müssen. Dann kam das Spiel gegen Gladbach.

Sie spielten von Anfang an, schossen zwei Tore und legten zwei weitere auf.
Ich dachte, das sei mein letztes Heimspiel gewesen. Ich gab nach dem Spiel sogar ein Interview, in dem ich den Wechsel andeutete. Aber am Montag holte mich Rudi Völler zu sich ins Büro und sagte: »Nix da. Du wirst den Verein nicht verlassen. Ende der Diskussion.«