Haben Sie Angst vor dem Karriereende, Stefan Kießling?

»Jetzt pöbele ich auch schon mal rum«

Löw sagte, Sie hätten eine Chance auf die WM 2014, wenn sich Klose oder Gomez verletzen würden.
Es wäre besser gewesen, wenn er klipp und klar gesagt hätte, was Sache war. Aber zumindest ich hatte Klarheit.

Zur WM 2010 hatte Löw Sie mitgenommen. Trotzdem wirkten Sie bei dem Turnier alles andere als glücklich.
Bei der WM war ich acht Wochen von zu Hause weg und habe sehr viel Zeit alleine auf dem Zimmer verbracht. Am Ende bekam ich zwei Kurzeinsätze. Das war für mich persönlich scheiße.

Warum konnten Sie sich nicht mit der Rolle als Ergänzungsspieler begnügen?
Es war nicht so, dass ich schlechte Laune verbreitet oder auf der Bank eine Schnute gezogen hätte. Aber ich war im besten Fußballeralter und wollte spielen. Doch der Trainer plante nicht mit mir, niemand sprach mit mir darüber, keiner machte mir Mut. Da wurde es schwierig. Ich war nicht in der mentalen Verfassung, mich selber aus dem Loch zu ziehen. Ich hatte mich damals noch nicht bewiesen und 50 Länderspiele auf dem Buckel, ich hatte genau drei.

In Leverkusen sind Sie spätestens seit dieser Saison nur noch Ergänzungsspieler. Trotzdem lobt Heiko Herrlich Sie in den höchsten Tönen. Sind Sie lockerer geworden?
Wenn ich, wie das momentan der Fall ist, oft gar nicht mehr im Kader auftauche, ärgert mich das auch noch mit 34 Jahren und einer kaputten Hüfte. Dementsprechend frustriert bin ich manchmal, aber das darf als Profi ja auch nicht anders sein. Nichtsdestotrotz habe ich irgendwann den Punkt gefunden, an dem ich mir gesagt habe: Du musst das jetzt akzeptieren, du darfst nicht hadern, sondern musst das machen, was alle hier von dir erwarten.

Was erwarten alle?
Dass ich im Training Dampf mache. Außerdem geht es für mich darum, ein Sprachrohr der Mannschaft zu sein und positiv auf die Stimmung innerhalb des Teams einzuwirken. Ich führe viele Einzelgespräche mit den Jungs und versuche, Vorbild zu sein. Diese Rolle habe ich akzeptiert. Und wenn ich gebraucht werden sollte, bin ich da.

Schauen Sie sich die Spiele im Stadion an?
Ja. Natürlich.

Sind Sie ein guter Zuschauer?
Die ersten Spiele waren furchtbar. Da habe ich aber auch noch gehadert. Ich dachte ständig: »Da hättest du jetzt stehen können.« Doch als ich diesen Punkt überschritten hatte, wurde ich immer mehr zum Fan. Und jetzt pöbele ich auch schon mal rum.

Wie hört sich das an?
Hoffentlich zumindest ein bisschen sachlicher als bei den anderen. (Lacht.)

Wenn Sie den jungen Stefan Kießling mit den jungen Spielern von heute vergleichen: Was sind die größten Unterschiede?
Als ich zu den Profis in Nürnberg stieß, saß ich mucksmäuschenstill in der Kabine. Wenn es rausging, trug ich vier Ballsäcke. Wenn ein Tor getragen werden musste, trug ich es. Heutzutage ist das anders. Schon die 17-Jährigen verdienen einen Haufen Geld, weil die großen Klubs Schlange stehen. Das verändert das Auftreten der Jungs komplett.