Haben Sie Angst vor dem Karriereende, Stefan Kießling?

»Leider hat Löw es nicht öffentlich kommuniziert«

Sie schrieben unter anderem eine Hausarbeit über den Einfluss der Medien auf den Fußball. Vor vier Jahren standen Sie selbst im Fokus der Öffentlichkeit, als Sie im Spiel gegen Hoffenheim den Ball neben das Tor köpften, Schiedsrichter Felix Brych aber trotzdem auf Tor entschied. Der Ball war durch ein Loch im Netz von hinten ins Tor geflogen. Nach dem Spiel waren Sie der Buhmann.
Die Ecke wird ge­treten, ich köpfe in Richtung Tor und sehe, dass der Ball eigentlich nicht gut kommt. Dann drehe ich ab. Doch auf einmal klopfen mir die Jungs auf die Schulter und schreien »Tor«. Danach fragt mich Schiedsrichter Felix Brych, was passiert sei. Ich antworte, dass ich keine Ahnung und nicht mehr hingesehen hätte. Diese Aussage wurde später von einer Lippenleserin bestätigt. In der Diskussion danach prasselte enorm viel auf mich ein. Vor allem von Leuten, die keine Ahnung von der Materie hatten.

CDU-Politiker Andreas Biebricher wünschte Ihnen via Facebook »zwei gebrochene Beine«. Ralf Rangnick bezeichnete Sie als Lügner.
Zu Ralf Rangnick möchte ich nichts sagen. Der Politiker gehörte zu den Schlaubergern, die nie etwas in der Art erlebt haben, es aber trotzdem beurteilen wollten. Dabei gab es für uns auf dem Platz keinerlei Erfahrungswerte. Die Leute, die direkt involviert waren, konnten nicht auf vergleichbare Szenen zurückgreifen, um sich das Geschehene logisch herzuleiten. Würde so etwas heute noch mal passieren, würde jeder sofort kontrollieren, ob es ein Loch im Netz gibt.

Was ist in der öffentlichen Debatte danach schief gelaufen?
Ich fühlte mich von den Medien zu wenig in Schutz genommen. Auf meiner Facebookseite artete es komplett aus. Ich wurde so extrem beleidigt, dass ich sie löschen musste. Ich habe Drohungen nach Hause bekommen. Da hätte ich mir klarere Statements in der Presse gewünscht.

Über den Nationalspieler Stefan Kießling gab es unzählige Statements in der Presse. Meist ging es darum, dass Joachim Löw trotz Ihrer Torquote nicht auf Sie baute. Hatten Sie eigentlich auch schöne Momente als Nationalspieler?
Natürlich. (Lacht.) Ich war immerhin bei der Weltmeisterschaft 2010 dabei – und wurde Dritter. Ich habe eine Medaille gewonnen. Das können nicht viele von sich behaupten.

Insgesamt kommen Sie auf sechs Länderspiele. Sind Sie damit zufrieden?
Natürlich hätte ich gerne mehr Spiele für Deutschland gemacht. Aber irgendwann wusste ich, dass es unter Joachim Löw keine Chance mehr geben würde.

Wann genau war Ihnen das klar?
Wir trafen uns 2013 nach einem Spiel in Leverkusen. Joachim Löw, Hansi Flick, Rudi Völler, mein damaliger Trainer Sami Hyypiä und ich. Löw sagte, dass ich nicht sein Spielertyp sei und dass er trotz meiner Tore nicht auf mich zählen würde. Ich sagte: »Gut. Dann ist das Thema jetzt endlich erledigt.« Außerdem bat ich ihn explizit darum, seine Entscheidung auch der Presse mitzuteilen, damit Ruhe in die Sache kommt. Leider hat er es öffentlich nicht so klar formuliert.