Günter Netzer über lange Haare und Rebellen im Fußball

»Wir rasten wie Formel-1-Piloten«

Zum 75. Geburtstag des Fußballfreigeistes Günter Netzer: Das große Interview aus 11FREUNDE SPEZIAL »Rebellen«. Ein Gespräch über lange Haare, seine Disko und ein Leben auf der Überholspur.

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Spezial-Nr. 3

Günter Netzer, wir möchten gern mit Ihnen über »Fußballrebellen« sprechen.
Da bin ich aber mal gespannt, hoffentlich kann ich dazu etwas beitragen.

Sie sind bis heute die Symbolfigur des unangepassten Bundesligaprofis. In den Siebzigern besaßen Sie in Mönchengladbach zeitgleich die mondäne Diskothek »Lovers Lane« und eine Versicherungsagentur. Eine einzigartige Kombination aus Extravaganz und Spießigkeit.
Ich bin erst später durch das Feuilleton darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Eröffnung der »Lovers Lane« etwas Außergewöhnliches war und zu allerlei Projektionen auf meine Person einlud. Im Grunde war aber auch dieser Schritt meiner, wenn Sie so wollen, Solidität geschuldet.

Es war nicht der Versuch, ganz anders zu sein als die anderen Profis Ihrer Zeit?
Nein, ich habe den Laden allein deshalb eröffnet, weil ich als Spieler in Mönchengladbach nicht genug verdiente. Als zusätzliche Geldquelle.

Wie fanden die Offiziellen Ihre Geschäftspläne?
Für unseren Manager Helmut Grashoff war das kein Problem – er war ja froh, dass ich selbständig den Standortnachteil, den die Borussia mit dem kleinen Stadion hatte, kompensierte. Unser Trainer Hennes Weisweiler hat ganz anders reagiert.

Nämlich?
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. »Herr Weisweiler«, sagte ich. »Morgen eröffne ich da drüben eine Diskothek. Sie sind herzlich eingeladen!« Ihm blieb der Mund offen stehen: »Das ist das Ende.« Dann drehte er sich um und ging. Zur Eröffnung kam er nicht.

Und Ihre Kollegen?
Als sie die schwarzen Lackwände in der Disko erblickten, sagten Sie: »Wir haben alles gesehen, Günter! Hier sieht’s ja aus wie in einer Leichenhalle. Wir gehen.« Sie blieben dann doch und viele von denen mussten wir nicht nur am Eröffnungsabend in den frühen Morgenstunden betrunken raustragen.

In Ihrer Biografie ist zu lesen, dass Sie später als Fußballrechtehändler auch deshalb so erfolgreich waren, weil Sie mit Geschäftspartnern aus Osteuropa ausdauernd trinken konnten. War die »Lovers Lane« in dieser Hinsicht eine gute Schule?
Das war das, was Weisweiler befürchtete, wie viele andere auch. Aber die meisten Abende habe ich dort nur Cola getrunken und auf die Kasse aufgepasst. Auch wenn mir natürlich einige andichten wollten, die Cola sei nur ein kleiner Teil des Getränks in meinem Glas.

Hat die Kasse wenigstens geklingelt?
Das Geschäft mit der Diskothek hat sich tatsächlich gelohnt – bis meine Lebensgefährtin und ich einen Fehler machten: Wir eröffneten zusätzlich das Restaurant »La Lacque«. Ein sehr exklusives Lokal, das in Düsseldorf ein Riesenerfolg gewesen wäre. Aber Gladbach war noch nicht bereit dafür. Und so war alles dahin, was die »Lovers Lane« eingebracht hatte.

War Geld der Antrieb hinter Ihren vielschichtigen Tätigkeiten?
Sicher. Ich habe ein hohes Bewusstsein für die Chancen, die sich mir auftun. Ich habe das Leben genossen. Aber ich war auch immer bereit, mir diesen Genuss zu erarbeiten.

Günter Netzer, ein typisches Kind des Wirtschaftswunders?
Natürlich war es mein Ziel – und nicht nur meines –, Wohlstand zu erlangen. Wir waren zwar allesamt besessene Fußballer damals, wir liebten diesen Sport über alles. Mein erster Vertrag war mit 160 Mark dotiert, ich hätte auch umsonst gespielt. Aber sobald sich mir die Möglichkeit bot, aus meinem Talent und meiner Prominenz auch Kapital zu schlagen, habe ich keinen Augenblick gezögert.

Und hinter der Idee, eine Disko zu eröffnen, steckte nicht mal ein bisschen der Wunsch, anders zu sein? Anders als die Eltern?
Nein! Ich hatte eine wunderbare Kindheit und Jugend. Ich war der Erste in der Straße, der eine komplette Torwartausrüstung besaß. Und der Lederball, den ich zu Weihnachten bekam, war der Grund, warum mich die anderen überhaupt mitspielen ließen. Ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet, aus meinem Elternhaus auszubrechen.

Kam Ihnen der Niederrhein nie provinziell vor?
Auch das nicht. Ich war sehr heimatverbunden. Meine Nebentätigkeiten sollten mich nicht zuletzt in die Lage bringen, dass ich vielleicht sogar für immer in Gladbach bleiben konnte. Ich wollte nicht dem Ruf des Geldes folgen. Angebote gab es damals genug, glauben Sie mir.

Auch aus der Frauenwelt?
Mir wurde beinah täglich was angedichtet. Ich musste nur »Guten Tag« sagen, schon hatte ich angeblich eine Affäre. Dabei war ich ein ganz Braver.

Der verstorbene Spielerberater Norbert Pflippen sagte: »Dem Netzer wurden die Frauen angedichtet, die der Berti hatte.«
Ob es der Berti war, weiß ich nicht. Aber andere waren auf diesem Gebiet sehr viel aktiver – nur ich wurde, keine Ahnung warum, fast immer vorgeschoben.

Ihnen eilte der Ruf des Lebemanns voraus, Sie fuhren Sportwagen und sollen sich mit den Teamkollegen regelmäßig Wettrennen im Trainingslager in Süchteln geliefert haben.
Hören Sie bloß auf! Das war halsbrecherisch. Wir rasten zwar wie die Formel-1-Piloten, aber die entsprechenden Fähigkeiten hatten wir nicht. Dem Himmel sei Dank, dass uns nichts passiert ist!

Sind Sie nur gern mit den Sportwagen gefahren oder haben Sie die auch eigenhändig poliert?
Nie! Erst wenn der Schmutz zu arg wurde, habe ich mal den Schlauch drauf gehalten. Ich sah die Autos nicht als Statussymbole, ich genoss vielmehr, dass ich in jungen Jahren die Nerven hatte, solche Raketen zu fahren. Damals war es die pure Freude. Auch wenn ich heute die Hände überm Kopf zusammenschlage.

Ende der Sechziger schwang das gesellschaftliche Klima um, in den großen Städten gingen die Studenten auf die Straße, es kam zu Auseinandersetzungen mit dem Staat. Was haben Sie davon im beschaulichen Mönchengladbach mitbekommen?
Die Fußballer der damaligen Zeit waren keine politischen Menschen. Ich selbst habe natürlich in den Nachrichten gesehen, was auf den Straßen los war, aber wenig verstanden – und mich ganz schnell wieder auf den Fußball konzentriert. Von daher muss ich sagen, dass die Behauptung, die Gladbacher Mannschaft jener Zeit habe bewusst linken Fußball gespielt, mit der Wirklichkeit herzlich wenig zu tun hatte.