Günter Netzer über Ernst Happel

»Er war kein Diplomat«


Inwieweit mischte sich Happel in Transferfragen ein?
Er hat von sich aus nie Spieler geholt. Happel war unendlich belastbar, man konnte ihn nachts um drei wecken und mit ihm irgendwohin fliegen, um einen Spieler anzuschauen, aber von sich aus hat er keine Vorschläge gemacht. Happel hat keine Mannschaften gebaut, sondern aus dem, was er hatte, das Optimale rausgeholt.

Wäre ein Typ wie Happel in der heutigen Fußballzeit noch denkbar?
Er hat sich nie verbiegen oder zwingen lassen, irgendetwas zu tun. So gesehen wäre allein sein Umgang mit den Medien heute unvorstellbar. Der war schon damals fast vereinsschädigend. Ab und zu konnte ich ihn überreden in den Medien aufzutreten, aber meistens sind Präsident Klein und ich für ihn eingesprungen. Ich muss sagen, dass die Hamburger Medien sehr großzügig mit ihm umgegangen sind. Sie waren wohl auch dankbar für den Erfolg, den er uns gebracht hat. Ob Medien heute so mit einem Trainer umgehen würden, der sich verweigert, kann ich mir nicht vorstellen.

Happel war berüchtigt für seine extrem kurzen Pressekonferenzen.
Er war nun mal kein Diplomat. Und er hasste Pressekonferenzen. Lieber wäre es ihm gewesen, mit jedem Journalisten einzeln zu reden, wenn es sein musste. Deshalb sind Pressekonferenzen auch, wenn sie überhaupt stattfanden, sehr kurz ausgefallen. Ich habe immer die Luft angehalten, so habe ich dabei gelitten. Das Beste was ein Journalist dort erzielen konnte, war, dass Happel geschwiegen hat.

Noch einmal: Wäre er als Trainer heute noch denkbar?
Im medialen Umgang sicher nicht. Aber aus sportlicher Perspektive habe ich keinen Zweifel, dass er mit seinem Gespür eine Mannschaft auch heute zu Höchstleistungen führen könnte. Im Übrigen finde ich es furchtbar, wenn ein Coach ein besserer Kommunikator als ein Trainer ist. Mir sind Typen, die wenig und akzentuiert sprechen immer noch lieber, als diejenigen, die eine Show abziehen.

Günter Netzer, Ihre persönlichste Erinnerung im Zusammenhang mit Ernst Happel?
Ich werde oft gefragt, was der schönste oder traurigste Moment in meinem Leben war. Ich behalte so etwas nicht. Ich weiß also nicht, was der persönlichste Moment von uns war. Ich weiß aber, dass Ernst Happel und ich sehr viele gute Momente hatten.

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