Günter Netzer über Ernst Happel

»Herr Happel, lassen Sie es sein!«

Nach dem Europacupsieg 1983 mit dem HSV war vermutlich halb Europa scharf auf ihn.
Er hatte Angebote aus Madrid und Barcelona, später kam auch eine Millionenofferte aus Neapel. Damals verdienten Trainer in der Bundesliga selten mehr als 300.000 Mark brutto. Es war also verlockend.

Dennoch gelang es Ihnen, ihn beim HSV zu halten. Wie haben Sie das gemacht?
Als er mir von dem Angebot aus Neapel erzählte, sagte ich: »Herr Happel, lassen Sie es sein. Sie können sich doch gar nicht mit denen unterhalten, Sie sprechen die Sprache nicht. Und dort trainieren Sie Maradona, der hat seinen eigenen Trainer, der kommt sowieso nicht zum Training.« Das hat er mir geglaubt, und ist geblieben. Er hat sich bei uns sehr wohl gefühlt.

Was mussten Sie tun, damit sich Happel wohlfühlt?
Ich habe ihm alles Unbequeme vom Hals gehalten. Ich bin mit ihm nach Sylt gefahren und unser Wintertrainingslager fand in  Südfrankreich statt, wo es viele Casinos gab, die wir auch reichlich nutzten.

Das Spiel nach dem Spiel hat ihn immer gereizt.
Ja, aber auch in der Hinsicht war er höchst diszipliniert. Sobald er kleinere Mengen gewonnen oder verloren hatte, konnte er aufhören. Ein echter Spieler kann das nicht. Er wusste genau, wo seine Grenze ist. So wurden ihm auch Alkoholgeschichten angedichtet. Aber ich kann Ihnen versichern: Ernst Happel war immer der erste beim Training und der letzte der gegangen ist. Ausfälle wie beim Zebec hat es bei ihm nie gegeben.

Er übernahm von Zebec eine intakte Mannschaft, die sich gewissermaßen selbst disziplinierte.
Er hat dieses Team veredelt und es einen Fußball spielen lassen, den man so in Deutschland noch nicht gesehen hatte. Er ließ Forechecking in Perfektion spielen. Viele Elemente unseres damaligen Spiels sind bis heute im Fußball üblich.

Horst Hrubesch war sein verlängerter Arm auf dem Platz. Was machte das Verhältnis zwischen den beiden aus?
Happel wusste, dass der Hrubesch einen tadellosen Charakter hat und alles für ihn und die Mannschaft tun würde, auch jenseits des Platzes. Deshalb mussten die beiden auch nicht viel sprechen, die haben sich intuitiv verstanden.

Als Horst Hrubesch und Lars Bastrup den HSV 1983 verließen, folgten Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke, die sich weniger gut integrierten.
Wuttke war eines der größten Talente des deutschen Fußballs. Aber beide waren vom Charakter nicht ausreichend. Ich dachte, es kann nicht sein, dass zwei Neulinge die ganze Mannschaft durcheinander wirbeln mitsamt dem alten Happel. Aber genau das ist passiert.

Warum hat Happel das nicht in den Griff gekriegt?
Eine berechtigte Frage. Ich glaube, es war ihm zu dumm. Selbstverständlich hat er es versucht, aber der Wuttke hat gemacht, was er wollte. Und Happel ist ihm nicht hinterhergelaufen.

Ein Defizit?
Das muss man im Nachhinein wohl so sagen, da hätte er mehr draus machen können. Aber Happel wollte mündige Spieler. Leute, die von sich aus Verantwortung übernehmen.

Hat er sich von Wuttke und Schatzschneider vor dem Transfer kein Bild gemacht?
Wie wollen Sie das in einem kurzen Gespräch erkennen? Wuttke hatte in Schalke gespielt und kam zum Europacupsieger. Wir gingen davon aus, dass er sich ganz hinten anstellen würde. Aber das hat Wuttke nicht gemacht.