Gianluca Vialli über die Champions League

»Gut, dass ich keinen Fehler mehr machen konnte«

Das Spiel ging gut los für Juventus, Fabrizio Ravanelli traf schon nach elf Minuten, als van der Sar und de Boer sich am Strafraumeck gegenseitig behinderten. Wie erinnern Sie sich daran?
Das war ein schönes, schwieriges Tor. Es war ein Abwehrfehler, aber Ravanelli hat ihn provoziert, weil er da war, und dann aus sehr spitzem Winkel getroffen hat. Wir wollten ihn danach umarmen, aber er ist uns entwischt, weil er zur Juve-Kurve am anderen Ende des Spielfeldes rannte.

Vielleicht hat Ravanelli Sie nur nicht gesehen, weil er das Trikot über den Kopf gezogen hatte?
Ja, das war sein Markenzeichen.

Jari Litmanen erzielte noch in der ersten Halbzeit den Ausgleich. Angelo Peruzzi hatte einen Freistoß nach vorne klatschen lassen und der Finne erzielte im Gewühl sein neuntes Tor im Wettbewerb. Ein Rückschlag?
Das war ein Missverständnis, unsere einziger Abwehrfehler im Spiel. Aber besser, ein Gegentor fünf Minuten vor der Pause zu kassieren als fünf Minuten danach. Marcelo Lippi hat in der Kabine die richtigen Worte gefunden.

Was hat Ihr Trainer gesagt? Wie groß war der Anteil von Lippi, der Italien zehn Jahre später zum Weltmeistertitel führte?
Ich weiß nicht mehr, was er sagte, aber erinnere mich noch wie wir stärker und selbstbewusster aus der Kabine kamen. Lippi ist einer dieser Messias-Trainer, die charismatisch sind, perfekt vorbereitet, die richtige Mentalität haben, eine Gruppe führen und ihr Verantwortung übertragen können. Ein großer Trainer.

Sie spielten damals im Sturm mit Alessandro del Piero und Ravanelli. Ein tödliches Trio, oder?
Wir waren einer der ersten Mannschaften, die mit drei Stürmern spielten und unser Zeit voraus. Wir mussten uns opfern und viel laufen, aber waren auch effektiv vor dem Tor. Aber was mussten damals wir laufen!

Paulo Sousa, Didier Deschamps und Antonio Conte im defensiven Mittelfeld sind doch hinter Ihnen sicher viel für Sie mitgelaufen?
Ja klar, das half. Aber wir haben, glaube ich, mehr ihnen geholfen als umgekehrt.

In der zweiten Halbzeit und in der Verlängerung fiel dann kein Tor mehr. Ging da die Kraft aus?
Nein, beide Mannschaften haben bis zuletzt alles gegeben und nicht auf das Elfmeterschießen spekuliert. Wir hatten aber die besseren Möglichkeiten und den Sieg nach 120 Minuten mehr verdient.

Sie waren Kapitän und Torjäger, traten aber trotzdem nicht an im Elfmeterschießen. Warum?
Ich hatte die letzten beiden Elfmeter im Römer Olympiastadion verschoßen. In der Nationalelf ging der Ball an den Pfosten, auch für Juventus hatte ich verschossen und mich dabei am Fuß verletzt. Ich fühlte mich nicht sehr gut, aber habe mich dem Mister (Trainer, Anm. D. Red.) zur Verfügung gestellt. Er sagte später, wir hätten gewonnen, weil jeder Elfmeter schießen wollte. Ich wäre als siebter Schütze angetreten, man muss ja Verantwortung übernehmen, aber gut, dass ich keinen Fehler mehr machen konnte.

Sie mussten nicht mehr antreten, weil Angelo Peruzzi gegen Edgar Davids und Sonny Silooy parierte.
Angelo Peruzzi war ein großer Elfmetertorhüter. Einer der besten Torhüter, mit denen ich je spielen durfte, zusammen mit Gianluca Pagliuca und Walter Zenga. Wenn du ihn hinter dir im Tor stehen hattest, fühltest du dich fast unbesiegbar.

Obwohl Peruzzi nur 1,81 Meter groß war und Zeit seiner Karriere mit seinem Gewicht zu kämpfen hatte?
Ich habe Torhüter nie nach ihrer Körpergröße bewertet. Er war groß genug für große Paraden.