Gerald Asamoah über seine Kindheit in Ghana und die Flüchtlingsthematik

»Mama, da ist ein schwarzes Mädchen in unserer Klasse«

Wie war es in der Schule?
Da wurde ich recht schnell akzeptiert. Ich saß zufällig neben Fabian Ernst. Er hat mir sehr geholfen. Aber es gab auch Idioten, die mich wegen meiner Hautfarbe beleidigt haben. Ich habe schnell verstanden, was »Neger« bedeutet. Klar braucht man Zeit, um mit diesen Bemerkungen der anderen Kinder umgehen zu können. Ich bin denen einfach aus dem Weg gegangen. Und ich habe meine Oma schrecklich vermisst, weil sie immer meine Bezugsperson war.

Haben Sie nicht mit ihr über Ihre Probleme gesprochen?
Gar nicht. Ich habe versucht, damit selbst klarzukommen.

Und Ihre Eltern?
Mama und Papa waren ständig arbeiten. Wir Kinder haben viel für uns selbst gesorgt. Als wir aus der Schule gekommen sind, haben wir selbst gekocht und die Wohnung sauber gehalten. Ich wollte meinen Eltern nach ihrer Arbeit nicht auch noch die Last aufbürden und von der Schule erzählen.

Inwieweit hat Ihnen der Fußball bei der Integration geholfen?
Fußball verbindet. Der Sport hat mir geholfen, zurechtzukommen. Fabian, ich und die anderen haben schon auf dem Pausenhof mit einem Tennisball Fußball gespielt. Wir haben Jacken auf den Asphalt gelegt, um die Tore zu markieren.

Und wie kamen Sie zu einem Verein?
Ein Familienfreund hat im Verein gespielt, er hat mich einmal mitgenommen. Das hat mir ziemlich gefallen, deswegen haben mich meine Eltern dann im Verein angemeldet.

Später waren Sie bei Hannover 96, auf Schalke wurden Sie zur Legende. Auch während Ihrer Profikarriere waren Sie immer wieder mit Rassismus konfrontiert.
Ich hatte es nicht leicht. Erst bei der WM 2006 hat man gemerkt, dass Deutschland auch weltoffen sein kann. Wie wir uns alle in den Armen lagen – egal, wo man herkam. Das war der Anfang. Die Leute haben positiv über Deutschland gesprochen.

Dennoch haben Sie nur wenige Wochen nach der WM in Rostock Affenlaute zu hören bekommen.
Das hat ziemlich geschmerzt. Es war bitter, dass einige immer noch nicht verstanden hatten, dass die Hautfarbe egal ist. In Ghana haben viele dann gesagt, dass die Gastfreundschaft bei der WM nur Schein war. Gewisse Idioten kann man eben nicht ändern, aber es denken ja nicht alle so. Grundsätzlich hat sich das Land gut entwickelt.

Wie haben Sie es geschafft, das zu trennen und nicht zu dem Schluss zu kommen: Deutschland ist rassistisch?
Für mich war einfach sehr entscheidend, dass meine Bezugspersonen mich so aufnehmen, wie ich bin. Den anderen habe ich keine Beachtung geschenkt. Ich versuche sowieso immer, positiv mit allem umzugehen.

Welche Erfahrungen machen zum Beispiel Ihre Kinder in diesen Tagen? Sie stehen nicht so im Rampenlicht und werden daher sicherlich anders behandelt, oder?
Sicher. Meine Tochter wurde vor kurzem eingeschult. Eine Mitschülerin hat zu Hause dann Ihre Mutter angesprochen: »Mama, wir müssen ein paar Sachen einpacken. Es ist ein schwarzes Mädchen zu uns in die Klasse gekommen. Sie braucht bestimmt Klamotten, sie ist Flüchtling.« Die Mutter hat dann gesagt: »Nein, das ist die Tochter von Asamoah.« Die Kleine wusste das aber gar nicht. Das war sehr, sehr süß. Das hat mir gezeigt, dass sich sogar Kinder mit dem Thema beschäftigen.

Wenn ein Erwachsener so handeln würde: Wäre eine solche Denkweise nicht rassistisch?
Es ist sehr schwierig. Wenn mich als schwarzen Menschen in der Stadt jemand fragt, ob er mir was zum Anziehen geben soll, tut das einerseits schon weh. Andererseits ist es keine Beleidigung, es ist einfach fürsorglich, zu fragen, ob jemand Hilfe gebrauchen könnte.

Herr Asamoah, lassen Sie uns über Ihre Karriere in der Nationalmannschaft sprechen. Sie sind als erster gebürtiger Afrikaner für Deutschland aufgelaufen. Wie kam es dazu?
Ich stand vor der Entscheidung, für welches Land ich spielen wollte. Ghana hatte tausend Mal angefragt, ich war auch einmal dort, um mir alles anzuschauen. Es war mein erster Besuch seit meiner Ankunft in Deutschland – nach neun Jahren. Ich wurde bei der Nationalmannschaft aber nicht eingesetzt. Als ich später immer wieder eingeladen wurde, lehnte ich ab und behauptete, ich wäre noch nicht bereit. Es war eine Bauchentscheidung – für Deutschland, weil ich mich hier heimisch fühle.

Wie haben Sie von Ihrer ersten Nominierung erfahren?
Rudi Völler hat mich angerufen, als ich gerade im Auto war. Ich war erstmal geschockt, dass mich tatsächlich der Bundestrainer anruft. Aber innerlich habe ich mich natürlich gefreut.

Wie hat die Öffentlichkeit auf Ihr Debüt am 29. Mai 2001 beim 2:0 gegen die Slowakei reagiert?
Ich habe bei dem Spiel gleich ein Tor gemacht, deswegen waren die Reaktionen ausschließlich positiv.

Keinerlei Kritik?
Nein. Niemand ist zu mir gekommen und hat gesagt: »Was suchst du Schwarzer in unserer Mannschaft?« Die Menschen sind oft zu feige, um dir so etwas ins Gesicht zu sagen. Möglicherweise haben welche so gedacht, es dann aber für sich behalten.

Und wie waren die Reaktionen der Spieler?
Ich bin damals mit Jörg Böhme angereist. Wir kamen etwas später, weil wir vorher noch das DFB-Pokalfinale gespielt hatten. Die Nationalmannschaft war Neuland für mich. Plötzlich saß ich in der Kabine neben Oliver Kahn und Oliver Bierhoff und sollte draußen mit denen zusammen Fußball spielen. Sie waren sehr herzlich und haben gleich »Hallo« gesagt. Ich habe mich mit meinen 21 Jahren wie ein kleines Kind gefühlt und diesen Moment einfach nur genossen.