Fußball, mein Leben und ich: Ebbe Sand

»Ich musste mit dem Taxi von Dänemark nach Schalke«

Er war Torschützenkönig und vier Minuten Meister mit dem FC Schalke 04. Die WM 1998 in Frankreich spielte er trotz Krebserkrankung. Ebbe Sand im Karriere-Interview.

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Ebbe Sand, schwimmen Sie im Schwimmbad nur am Rand?
(Lacht.) Nein.

Wir könnten nun auch fragen: Fahren Sie die Lok nach Lummerland? Haben Sie im Knie ein Gummiband? Und vor allem: Essen Sie Ihr Eis meist mit Krokant?
Weder noch. Sie spielen auf das Lied an, das die Fans für mich singen. Das ehrt mich sehr. Noch heute rufen sie diese Verse, wenn sie mich am Stadion sehen.

Es mag wohl an die 200 verschiedene, meist schräge Strophen geben. Welche ist Ihre liebste?
Ich würde sagen: »Wer köpft den Nagel in die Wand?«

(Lesen Sie alle Strophen unten in der Bildergalerie)

Sie werden auf Schalke auch zehn Jahre nach Ihrem Karriereende immer noch besungen. Dabei verdanken Sie Ihre Karriere einem Zufall.
Das stimmt, ich hatte nie das Ziel, Fußballprofi zu werden. In meiner Jugend habe ich nur unterklassig gespielt, nie bei einem großen Verein. Alles hing eigentlich davon ab, dass mein Zwillingsbruder Peter zum Studieren nach Kopenhagen gegangen ist. Ich wollte eigentlich in einer anderen Stadt Bauingenieurwesen studieren, habe ihn aber schließlich begleitet. Das war mein Glück: Wir kickten nebenher bei einem Amateurteam in der Nähe, wo uns der Boss von Bröndby entdeckte.

Wie alt waren Sie da?
23. Sehr spät berufen für einen Fußballer. Und selbst bei diesem Vertrag hatte ich immer noch meine Zweifel, ob ich es als Profi schaffe. Ich ging also weiter zur Universität. Das Studium war hart, in jedem Semester mussten wir fünf sehr schwere Prüfungen bestehen. Der Aufwand für meinen Beruf als Ingenieur war so groß, dass ich noch weiter arbeitete, als ich das Studium schon abgeschlossen und den Profivertrag unterschrieben hatte.

Wie ging das?
Ich war in einem Ingenieurbüro angestellt, wir kümmerten uns um die Verlegung von Gasleitungen. Ich hetzte von der Arbeit zum Training und dann zurück zur Baustelle oder ins Büro. Bröndbys Manager sagte: »Wir bezahlen dich fürs Spielen. Den Rest der Zeit sollst du auf der Couch liegen.« Aber das konnte ich nicht. Also hat mir Bröndby nur die Hälfte meines Gehalts bezahlt, ich verzichtete auf Geld, um zu arbeiten. Ein Wahnsinn, wenn ich heute darüber nachdenke. Nach einem Jahr gab ich dann die Stelle als Ingenieur auf.

Wie ging es für Ihren Bruder weiter?
Er ist zu einem Verein in der zweiten Liga gewechselt, später spielte er in Norwegen und England. Er hat eine super Karriere hingelegt, doch er selbst und andere haben das natürlich immer in Verhältnis zu meiner Laufbahn gesetzt. Für Peter war es nicht leicht, weil er immer auf mich angesprochen wurde. Wir sind eineiige Zwillinge, da kommt es oft zu Verwechslungen. Einmal war er abends in einer Diskothek, bis jemand zu ihm kam und schrie: »Ebbe, hast du sie noch alle? Ihr habt morgen ein Spiel und du feierst hier!« Eine gewisse Zeit lang war das schon für uns beide eine enorme Belastung.

Sie hätten in Ihrer Karriere auch feiern gehen und sich als Ihr Bruder ausgeben können.
(Lacht.) Ja, das hätte ich schon machen können. Doch gerade in der Zeit bei Bröndby war ich so fokussiert, dass an Feiern nicht zu denken war. Ich konnte selbst das Training kaum erwarten. In den ersten acht Spielen schoss ich 17 Tore. Alles ging schnell, nur ein Jahr später lief ich bereits für die dänische Nationalmannschaft auf und fuhr zur WM 1998 in Frankreich. Zwei Jahre vorher hatte ich noch studiert, nun spielte ich mit Leuten wie Peter Schmeichel und den Laudrup-Brüdern zusammen.

Zu dieser Zeit sollen Sie schon schwer erkrankt gewesen sein.
Kurz vor dem Beginn des Turniers erreichte mich die Nachricht, dass ein guter Freund von mir an Hodenkrebs erkrankt war. Ich dachte: Oh Gott, das kommt ja immer näher. Denn zu dieser Zeit verspürte ich bereits starke Schmerzen im Unterleib. Ich wischte diese Gedanken aber weg und sprach mit niemandem über meine Vorahnung. Als ich aus Frankreich zurückkehrte, saß ich mit meiner Frau daheim in der Küche. Sie machte eine allgemeine, eher harmlose Bemerkung über unseren Freund und das Thema Hodenkrebs. Plötzlich brach ich in Tränen aus.