Fürths Stürmer Azemi über seinen Autounfall und die Folgen

»Die Spieler haben in der Kabine für Ilir gebetet«

Martin Meichelbeck, als Sportdirektor haben Sie Azemi in der schweren Zeit umsorgt. Und Sie sind auch für die psychologische Betreuung der Mannschaft verantwortlich. Wie hat das Team von dem Unfall erfahren?
Ich wurde morgens um 7.45 Uhr informiert. Mittags hatten wir Training. Davor habe ich es der Mannschaft in der Kabine mitgeteilt. Die Spieler standen unter Schock, einige haben geweint, denn die Schwere der Verletzung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Wir haben es den Spielern freigestellt, ob wir trainieren oder nicht. Alle haben sich dafür ausgesprochen. Nach dem Training haben die Spieler für Ilir in der Kabine gebetet. Das war eine Dynamik, die sich aus der Mannschaft ergeben hat und sehr ergreifend für mich war. Vier Tage später stand das Derby gegen Nürnberg an.

Stand eine Absage nie zur Debatte?
Natürlich haben wir das im Verein und mit der Mannschaft besprochen. Wir haben natürlich überlegt, ob wir die Mannschaft in diesem Zustand in ein Derby lassen können, weil viele Spieler durch diese Nachricht ein Trauma erlitten haben. Aber das Thema war relativ schnell erledigt, weil die Mannschaft für Ilir spielen wollte. Wir haben in den nächsten Tagen viele Gespräche geführt. Wir mussten den Spagat schaffen zwischen Traumabewältigung und Vorbereitung auf das Spiel gegen Nürnberg.

Inwiefern hat der Unfall das Derby beeinflusst?
Mir war wichtig, dass wir in den Tagen vor dem Derby sehr offen, ehrlich und vertrauensvoll miteinander umgehen. Wir haben Sitzungen gehalten, in denen wir über die Ängste gesprochen haben, über das Mitfühlen mit Ilir. Jeder konnte sich offenbaren, so hat sich niemand alleine gefühlt. Es war sehr wichtig, dass wir diesem Erlebnis in der Gruppe sehr viel Raum gegeben haben. An dem Montagabend beim Derby entwickelte sich eine unglaubliche Dynamik innerhalb der Gruppe. Die Mannschaft hat sich in einen Rausch gespielt, es war eine unglaubliche Energie spürbar. Es war anders als sonst. Auch die Zuschauer waren sehr empathisch. An diesem Tag hätten viele Mannschaften kommen können, wir waren nur schwer schlagbar. Selbst die Bayern hätten es an diesem Tag schwer gehabt. Vor einem Derby kann auch mal Angst vor einer Schmach aufkommen. Oder beispielsweise die Frage: »Wie stehen wir bei den Fans da, wenn wir verlieren?«  An diesem Tag gab es für Ängste keinen Raum, nur Vertrauen in die eigene Stärke, in den Mitspieler und in die Gruppe.

Ilir Azemi, wie haben Sie das Spiel verfolgt?
Ich habe es mir im Krankenhaus im Fernsehen angeschaut. Und natürlich habe ich mich gefreut, dass wir 5:1 gewonnen haben - auch wenn ich ganz andere Probleme hatte. Es waren berührende Szenen, dass Mannschaft und Verein hinter mir standen und alle Spieler mit meinem Trikot mit der Nummer 33 eingelaufen sind. Das war ein Gänsehaut-Gefühl. Meine Mutter war die ganze Zeit bei mir am Krankenbett, weil es mir alles andere als gut ging.

Hat Ihnen das Ergebnis Kraft gegeben?
In diesem Moment habe ich ganz anders gedacht. Natürlich habe ich mich wirklich gefreut. Aber es motiviert nicht. Ich bin erst nochmal kurz in ein Loch gefallen, weil ich mir dachte: »Da hättest du auch spielen können«. Aber nach ein paar Wochen war ich klarer im Kopf. Natürlich hatte ich dann das Ziel, zurückzukommen.

Wie wurden all die Verletzungen behandelt?
Nach wenigen Tagen wurde ich mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik nach Murnau verlegt. Der Hüft- und Beckenbereich musste durch Platten stabilisiert werden. Der Rest ist wieder zusammengewachsen - ohne operativen Eingriff.

Waren die Wochen und Monate nach dem Unfall die schwersten in Ihrem Leben?
Nein. Ich habe meinen Vater früh verloren, das war das Schwerste in meinem Leben. Der Unfall kommt erst danach.

Bitte versuchen Sie die Schwierigkeiten Ihres damaligen Alltags zu beschreiben.
Wenn man wochenlang nur auf dem Rücken liegt, wird das wund. Nach ein paar Wochen hat mich eine Schwester auf die Seite gelegt. Das war schmerzhaft. Ich hatte oft Besuch - auch aus der Mannschaft. Orkan Cinar und Muhammed Kayaroglu haben sich als Cousins ausgegeben, um zu mir kommen zu dürfen. Ich schaute in dieser Zeit sehr selten Fernsehen, ich lag nur im Bett, zerbrach mir den Kopf über alle möglichen Dinge, kam aber nicht auf den Punkt.

Haben Sie sich auch mit dem Karriereende beschäftigt?
Nein. Anfangs hatte ich nur die Hoffnung, dass es wieder klappen könnte, aber natürlich kann man sich da nicht zu 100 Prozent sicher sein. Als ich wieder freier im Kopf war, habe ich mich natürlich auch mit einem zweiten Standbein beschäftigt. Was das ist, möchte ich aber nicht verraten.