Frank Rohde über seine Karriere zwischen Mielke und Mauer

»Ich schämte mich für meine Landsleute«

Wofür?
Über das Verhalten meiner Landsleute. Die haben sich an diesen Tagen zum Teil benommen wie die letzten Idioten. In den Läden wurde geklaut, vieles war einfach nur beschämend.

Wie bekamen Sie die Wende als Fußballer zu spüren?
Aus der Nationalmannschaft war ich bereits Monate zuvor rausgeflogen, weil ich gewagt hatte, wegen der verpassten Qualifikation zur WM 1990 aufzumucken. Vor Trainern und Offiziellen sagte ich: »Wir verfügen über großartige Fußballer, aber die schmoren doch bei uns im eigenen Saft. Wenn ihr wirklich mal Erfolg wollt, lasst unsere besten Jungs in den Westen gehen!« Prompt wurde ich von Kaderkreis 1 zu Kaderkreis 4 degradiert, meine Länderspielkarriere war nach 42 Partien beendet.

Sie brachen mit dem System?
Mehr oder weniger. Nach dem Mauerfall brach alles in sich zusammen und brachte die vielen hässlichen Details zu Tage. Zum Beispiel, dass sich unsere Parteibonzen von unseren Parteispenden die teuren Villen am Wasser finanzierten, statt die Kohle wie versprochen an die befreundeten Dritte-Welt-Länder zu spenden. Ich Hornochse hatte das jahrelang geglaubt. Als Medien die Wahrheit veröffentlichten, bin ich ins nächste Partei-Büro, habe mein kleines rotes Partei-Buch auf den Tisch geknallt und gesagt: »Hier, Keule, kannste wiederhaben. Mach ein Kreuz, ich bin raus!« Zurück in der Kabine habe ich so lange darüber getobt, bis sich auch meine Mitspieler mit dem Büchlein in der Hand auf den Weg machten.

Ihr Verein galt in diesem Monaten mehr denn je als sportlicher Stellvertreter für die politischen Vergehen.
Und das haben wir auch zu spüren bekommen. Ich habe nie wieder eine so hasserfüllte Stimmung beim Fußball erlebt wie beim Weihnachtsturnier 1990. Da hingen die Zuschauer hinter uns in den Fangnetzen, haben uns beschimpft, bedroht und bespuckt. Ich habe zu meinen Mitspielern nur gesagt: »Lasst euch nicht provozieren, sonst machen die uns hier alle.«

Der Mauerfall war das Startsignal für den großen Ausverkauf des DDR-Fußballs. Stimmt es, dass Sie Andy Thom bei seinen Verhandlungen mit Leverkusens Manager Reiner Calmund geholfen haben?
Der Andy war ein Kumpel und bat mich als erfahrenen Kollegen, mit nach Leverkusen zu kommen. Wir nahmen eine Maschine von Berlin Tegel. Wer saß zufällig im selben Flieger? Calli! Der war schon ein gewiefter Hund und bezahlte schließlich nur drei Millionen Mark für Andy. Vielleicht das Schnäppchen seines Lebens.

Hat Calmund nie versucht, Sie auch nach Leverkusen zu locken?
Nein, aber der Kontakt blieb bestehen. Wir trafen uns ab und an in Berlin zum Essen. Ich werde nie vergessen, wie der Dicke einmal durch den Laden rief: »Mensch, Wuschi, du frisst ja genauso viel wie ich!« (lacht). 1990 saßen wir gemeinsam beim Eröffnungsspiel der WM 1990 im Guiseppe-Meazza-Stadion und sahen zu wie Roger Millas Kameruner Maradonas Argentinien besiegten.