Flemming Povlsen über Dänemarks EM-Sieg 1992

»Das Entscheidungsspiel machen wir dann auf Mallorca«

Aber dennoch: Diese Geschichten sind ja tatsächlich passiert. Hat niemand aus Ihrer Mannschaft da Widerspruch eingelegt?

Es gab drei, vier Leute, die nicht zu »McDonald's« wollten. Denen war das zu albern, die sind draußen stehen geblieben. Aber als sich dann unser Trainer Richard Möller Nielsen auch eine Pommes gekauft hat, wussten wir, dass niemand auf uns sauer sein kann. Genauso, als ich vor dem Finale gegen Deutschland noch bis fünf Uhr mit Peter Schmeichel in der Hotellobby Klavier gespielt habe. Der Trainer hat das geduldet, auch weil er wusste, dass wir es ihm mit guter Leistung zurückzahlen. Sonst wäre das natürlich ein Skandal geworden.

Beim 2:0-Sieg gegen Deutschland haben Sie sogar das erste Tor vorbereitet. Gab es keine Ehrfurcht in Ihrem Team vor dem amtierenden Weltmeister?

Ich kannte ja die halbe deutsche Mannschaft aus der Bundesliga. Wir hatten keine Angst. Wenn du einen Lauf hast wie wir, dann guckst du nicht nach rechts oder links, sondern nur nach vorn. Dann ist es egal, ob da der Weltmeister oder eine Kreisliga-Elf steht. Dann willst du nur gewinnen, das ist das Einzige, was zählt.

Trotzdem haben Sie mal erzählt, Sie seien nach dem Finalsieg in ein Loch gefallen.

Ich habe vor Freude geweint. In der Kabine haben wir nach Abpfiff getrunken, gesungen und den Trainer unter die Dusche geschmissen. Und ich saß da und dachte: »Das war’s jetzt?« Du bist als Fußballer gewohnt, schnell nach einem Sieg wieder aufs nächste Spiel zu schauen. Aber da war keins. Damit konnte ich nicht umgehen. Ich wusste aber auch noch nicht um die Größe unserer Leistung.

Wann haben Sie die erkannt?

Als wir im Landeanflug auf Kopenhagen waren. Zwei Militärflugzeuge, »F16«-Jets, sind links und rechts von uns geflogen und haben uns bis zur Landebahn begleitet. Und dann stiegen wir aus und vom Flughafen bis zur Innnenstadt standen die Menchen auf der Straße und haben gejubelt. Ich habe mich plötzlich wie ein Held gefühlt. Auch Wochen danach ebbte diese Begeisterung nicht ab. Ich habe mich tagelang in meinem Ferienhaus bei Aarhus verschanzt. Wenn ich in die Stadt gefahren bin, war ich innerhalb von wenigen Minuten von hunderten Menschen umzingelt, die ein Autogramm wollten.

Könnte so eine verrückte Geschichte heute auch wieder passieren?

Bis vor zwei Jahren war ich der festen Überzeugung: Niemals. Dann wurde Leicester Meister in England, Island war dem Wunder bei der EM 2016 verdächtig nahe. Aber generell glaube ich, dass die sozialen Medien viel kaputt machen. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist nicht mehr da, alle Spieler sitzen mit ihren dicken Kopfhörern isoliert im Bus. Wir haben damals zusammen bei jeder Fahrt zu Spiel »Rocketman« von Elton John gesungen. Und ich will mir nicht ausmalen, was passiert wäre, hätte uns jemand gefilmt bei »McDonald's« und das ins Internet gestellt. Das wäre ein Shitstorm geworden, wir wären wahrscheinlich am Boden gewesen. Du kannst nichts mehr verheimlichen, das macht so einen Mythos schnell kaputt.

Sie haben zum 20. Jubiläum des EM-Titels ein Rückspiel gegen die deutsche Elf ausgetragen. Wie ist es ausgegangen?

Deutschland hat mit 2:0 gewonnen! Jetzt steht es also in der Gesamtwertung ausgeglichen. Das Entscheidungsspiel müssen wir dann wohl mal irgendwann auf Mallorca oder so austragen.