Felix Bastians über absurde Aufnahmerituale auf der Insel

»Mein Fahrlehrer hat beinahe eine Herzattacke gekriegt«

Später haben Sie für zwei Jahre bei einer Familie gewohnt. Wie war diese Zeit?
In der Familie war man etwas unabhängiger und hat abends auch Abstand vom Fußball gewonnen. Deswegen habe ich diesen nächsten Schritt gemacht, er hat mir gut getan. Und die Familie war total nett. Sie hatte zwei kleine Kinder. Mit dem Vater habe ich oft zusammen Fußball geschaut, das war ganz entspannt. Und das Zimmer war ein bisschen größer als im Jugendhaus.
 
Wie häufig waren Sie zu Hause?
Zu Jugendzeiten ungefähr einmal im Monat. Die Wochenenden wurden so angepasst, dass man auch mal nach Hause fliegen konnte. Das habe ich auch genutzt, weil die Verbindungen extrem günstig waren. Von Nottingham konnte man für zehn Euro direkt nach Köln fliegen.
 
Hatten Sie keinerlei Schwierigkeiten, sich einzuleben?
An die eine oder andere Sache musste ich mich schon gewöhnen. Die Engländer sind schon ein bisschen schroff. Der englische Humor ist sehr dunkel. Damit muss man erstmal mit klarkommen. Aber das liegt mir. Als Mikael Forssell noch in Bochum war, haben wir viel zusammen unternommen, weil er auch lange in England war und wir daher in Sachen Humor auf einer Ebene waren. Und das englische Essen ist nicht das beste. Das Sunday Roast Dinner ist nicht unbedingt ein Sportlergericht. Die schmieren sich dick Butter aufs Brot, die Bohnen einfach drüber. Oder zum Beispiel die Würstchen, die sie dort essen, würde in Deutschland ein gut erzogener Hund ablehnen. Aber man gewöhnt sich an alles, wenn man Hunger hat. Und ich kannte zum Glück einen ganz guten Italiener, der auch noch Fußballfan war. Er hat sich sehr um mich gekümmert.
 
Wie war es in Sachen Linksverkehr?
Ich habe meinen Führerschein dort gemacht, ohne Servolenkung. Der Verein hatte einen Fahrlehrer organisiert, der das schon seit Ewigkeiten bei Nottingham gemacht hat. Das konnte man daran sehen, weil das Auto so alt war. Ich glaube, auch unser Lehrer hat seine eigene Prüfung mit diesem Auto gemacht. (Lacht.) Die Prüfung habe ich dann mit einem Auto gemacht, bei dem das Lenkrad auf der falschen Seite war. Später hatte ich dann ein deutsches Auto.
 
Hatten Sie denn außerhalb Englands Probleme mit dem Rechtsverkehr?
Kurz vor der Fahrprüfung war Sommerpause. Da habe ich in Deutschland mal Unterrichtsstunden genommen und bin tatsächlich mal falsch abgebogen. Mein Fahrlehrer hat beinahe eine Herzattacke gekriegt. Aber in Bochum war auf der Kreuzung zum Glück nicht so viel los. In England sind die Leute beim Fahren sehr tolerant. Wenn man mal auf der falschen Spur ist, wird leicht gehupt und kurz gezeigt, dass man vielleicht doch besser auf der anderen Seite fahren sollte.
 
Wie lief es im Verein?
Sportlich lief es gut. Abseits des Platzes war es hart.
 
Wie meinen Sie das?
Ich musste nach dem Training der Profis deren Bälle und Hütchen waschen, die Gästekabine putzen und die Schuhe der Spieler, die auf meiner Position gespielt haben. Das war damals unter anderem Kris Commons, der jetzt bei Celtic Glasgow spielt. Und wenn es dann stark geregnet hat, hat Kris immer zu mir herübergerufen: »Felix, schau mal!« Dann hat er die Dinger durch den Dreck gezogen. Zu Weihnachten hat er mich aber zum Essen eingeladen oder mir 100 Pfund zugesteckt.
 
Haben Sie Ihre Aufgaben denn gewissenhaft erledigt?
Ich habe natürlich probiert, clever zu sein. Einmal sollte ich die kleinen Hütchen putzen. Da habe ich mir gedacht: »Was soll das denn? Warum soll ich jetzt 80 bis 100 Hütchen putzen?« Ich habe einfach alle zusammengesteckt und sie von außen ein bisschen sauber gemacht. Es sah auch ganz gut aus, es ist zunächst auch nicht aufgeflogen. Als der Trainer dann aber die Hütchen anhob und das angesammelte Dreckwasser über seinen Schuh lief, musste ich doch alle einzeln putzen. Die waren da schon sehr wachsam.
 
Wie war die erste Zeit bei den Profis bei Nottingham?
Ganz anders als es in Deutschland ist. Es gab einige Vorschriften vom Verein: schwarze Fußballschuhe, die Stutzen nicht über den Knien, das Trikot in der Hose, immer frisch rasiert, Kurzhaarschnitt.
 
Wie bitte? Das war Vorschrift?
Ja. Es wird viel Wert auf Disziplin gelegt. Aber es schadet einem nicht. Wenn wir mit dem VfL Bochum abends nach einem Auswärtsspiel mit dem Bus zurückkommen, nimmt jeder etwas mit raus, dann ist die Arbeit schnell erledigt. In England haben nur die drei jüngsten Spieler mit dem Zeugwart den Bus ausgeräumt. Ich finde das nicht schlecht, weil man dann die Dinge zu schätzen lernt. In Deutschland liegt in der Kabine immer alles auf seinem Platz bereit, man muss sich um nichts mehr kümmern. In England waren meine Sachen in meiner Anfangszeit bei den Profis immer hinten beim Zeugwart, dort musste ich sie abholen. Wenn du dann richtig bei den Profis angekommen bist, dann liegt auch alles auf deinem Platz. Der einzige Tag, an dem das auch für mich so war, war am Spieltag. Da hat der Zeugwart gesagt: »Am Spieltag bist du Profi für mich.« Es war hart, aber herzlich.