Fans gegen Geldgeber bei TeBe

»Wir werden unseren Klub nicht aufgeben«

Stadionsprecher, DJ und langjähriger Fan: Carsten Bangel ist ein Original beim Traditionsverein TeBe. Nun boykottieren er und viele andere Fans die Spiele ihres Vereins – und vermieten ihren Support. Was ist da in Berlin passiert?

Tim Peukert
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210

Vor gut drei Jahren stieg Jens Redlich, Besitzer einer Fitnesskette, beim Berliner Traditionsverein TeBe ein. Nun ist er nicht nur Geldgeber, sondern auch Vereinsvorsitzender. Die Fans liegen seither mit ihm über Kreuz, im Januar kam es nach einer turbulenten Versammlung zum endgültigen Bruch. Für die große Titelgeschichte über den Kampf der Fanszene von TeBe und ihre »Caravan of Love« haben wir mit allen Beteiligten gesprochen und die Fans auf ihren Reisen begleitet. Die komplette Story im aktuellen Heft – noch bis Donnerstag am Kiosk oder bei uns im Shop.

Carsten Bangel, wann sind Sie zum ersten Mal zu TeBe gegangen?
Mein erstes Spiel habe ich 1977 gesehen, also während des zweiten kurzen Bundesligaausflugs. Mein Onkel war Fan seit den 50er-Jahren und mein Cousin schwärmte von Stürmer Benny Wendt, das hat mich angesteckt. Als Kind bin ich gelegentlich auch bei anderen Vereinen unterwegs gewesen, aber in den Derbys fieberte ich klar für Tennis.

Sie boykottieren nun die Spiele. Bevor wir dazu kommen, können Sie uns das Faszinosum TeBe erklären?
Als ich TeBe verfiel, interessierte ich mich noch nicht wirklich für Fankultur. Ich nahm den Verein im Vergleich zu anderen aber als eher untypisch wahr, nicht nur aufgrund seiner Farben sowie des ungewöhnlichen Namens, und das fand ich spannend. TeBe galt als eine eher versehentlich in der Bundesliga gelandete Studententruppe, zog Paradiesvögel und Künstler an, und hatte traditionell eine recht kosmopolitische Aura. Bei Hertha war es in den Siebzigern und Achtzigern krass rechts, der Block skandierte regelmäßig: »... und die Fahne weht im Wind – Sieg heil«. Wenn du die Spiele von TeBe besucht hast, liefen da auch Leute mit bunten Haaren rum. Das gefiel mir.

Bei TeBe, so hört man häufig, herrschte ein besonderer Geist in der Fanszene. Wie drückte sich dieser konkret aus?
Die Atmosphäre ist deutlich weniger testosterongeschwängert als in anderen Kurven. Man nimmt sich nicht so fürchterlich ernst. Typische Situation: Auswärtsspiel in Rathenow, TeBe muss unbedingt gewinnen, um seine Aufstiegschance zu wahren. Zehn Minuten vor Ende kassiert die Mannschaft das 1:3, alle sind total am Boden. Trotzig beginnt jemand zu singen »Nächstes Tor entscheidet«. Alle stimmen ein, selbst der Schiri muss grinsen. Diese Art von Galgenhumor trägt einen immer wieder über die schmerzhaften Momente hinweg. Es ist eine recht effektive Überlebensstrategie, wenn man für einen Verein wie TeBe fiebert.
Diese Ironie äußert sich auch im Umgang mit Anfeindungen. Wenn gegnerische Fanszenen uns mit Gesängen wie »Lila-weiß ist schwul« zu beleidigen versuchten, wurde sich da eher ein Spaß draus gemacht. Die berühmte Cross-Dressing-Fahrt nach Cottbus war in dieser Hinsicht recht identitätsstiftend.

Eine Cross-Dressing-Fahrt?
Männer verkleideten sich als Frauen und umgekehrt. Vor der Auswärtsfahrt wurden die Second-Hand-Shops der Stadt geplündert und dann standen 300 Leute mit Handtäschchen, lila Miniröcken und Schminke im Gästeblock. Auf Cottbuser Seite hat das für viel Schaum vorm Mund gesorgt, auf unserer Seite hingegen fasste ein Fan aufgrund dieser Aktion den Mut für ein Coming-out.


Carsten Bangel aka »Mr Bungle«

Nun bleiben Sie und viele andere Fans aus Protest gegen den Geldgeber und Vorstandsvorsitzenden Jens Redlich dem Verein fern. Warum?
Der Verein war mir noch nie so fremd, wie er es zurzeit ist. Das, was von TeBe aktuell noch übrig ist, sind die Farben und die Heimspielstätte. Das ist sehr schmerzhaft und auch gefährlich. Der Verein wurde sämtlicher Substanz beraubt und seine Alleinstellungsmerkmale mit Vollkaracho zerstört. Das ist auch aus Sponsorenperspektive unsagbar irrational. Jens Redlich (der Geldgeber und Vereinsvorsitzende, die Red.) hat den Verein kein bisschen verstanden. Er schwärmt regelmäßig von Fanszenen wie Dresden, Rostock und Magdeburg, »kauft« sich aber einen Verein wie TeBe. Das ist, als würdest du dir einen Mops zulegen und dich am nächsten Tag wundern, dass es kein Pitbull ist.