Fans in der DDR: Ein Stasi-Mann packt aus

»Westhooligans verprügelten einen vermeintlichen IM«

Wie lange haben Sie Ihren Job gemacht?
Im Herbst 1989 wurde ich zur Grenzkontrolle versetzt, beim MfS war ich noch bis zur Auflösung im Februar 1990 tätig. Wie überall lief es auch in meiner alten Einheit nach der Wende sehr chaotisch. Alle haben sich bemüht, außerhalb der Firma irgendwo unterzukommen. Man versuchte einen einigermaßen geordneten Abgang, die Dienstwaffen wurden eingesammelt und wahrscheinlich auch Akten vernichtet.  

Nach der Wende kamen relativ schnell westdeutsche Hooligans in die DDR, u.a. vom HSV, von Schalke, um dort randalemäßig mitzumischen. Hat Sie das überrascht?
Nein, schließlich war die Volkspolizei im Frühjahr 1990 völlig überfordert und verunsichert. Ich weiß, dass die Westfans früher vor unserer VP gehörig Respekt hatten. Die Respektlosigkeit haben sie erst durch die ostdeutschen Fußballfans kennengelernt. Wenn ein Westfan von unserem VP-Mann etwas gesagt bekam, hat er das noch halbwegs befolgt. Er befand sich ja auch im Ausland.  

Im Frühjahr 1990 wurde der BFC-Fan Mike Polley bei Fanausschreitungen in Leipzig von der Polizei erschossen. War es der erste derartige Todesfall in der DDR-Geschichte?
Mir ist nicht bekannt, dass zuvor in der DDR ein Fußballfan bei Auseinandersetzungen mit der Polizei ums Leben gekommen ist. In Berlin jedenfalls nicht. Es kann durchaus sein, dass es mal Unfälle von Betrunkenen zum Beispiel in Zügen gab, aber wir sind nicht über alles informiert worden.

Es gibt immer wieder die Diskussion, ob der Keim der gewaltbereiten, teilweise rechtslastigen Fanszene bei machen Ostklubs bereits in der DDR gelegt wurde oder ob es solcher »Tradition« gar nicht bedarf. Was sagen Sie dazu?
Meine Meinung ist, dass ein Teil der Fußballfans ein Ventil braucht, um sich abzureagieren. Denen reicht das Spiel selbst nicht aus. Das hat aber erstmal wenig mit politischer Einstellung zu tun, glaube ich. Unsere Klientel bestand zumeist aus ganz normalen Jugendlichen, meistens Arbeiter, kaum Studierte. Nach außen waren das oft harmlose Bürger. Bei den »Borussen«-Fans haben wir oft mit den Chefs an ihren Arbeitsstellen gesprochen. Jedes Mal hatten die eine Topbeurteilung bekommen.  

Gehen sie heute noch zu Fußballspielen?
Nein. Wer als Nichtfußballfan jahrelang jede Woche hin musste, hat einen bestimmten Sättigungsgrad erreicht. Außerdem, ich will es nicht Angst nennen, aber ich weiß nicht, wer mich noch kennt. Ich habe nach der Wende ein paar Fans von früher auf der Straße getroffen, die mich erkannt haben.

Gab es Ärger?
Nein. Aber ich will diese Leute auch nicht provozieren.

Hätten einige triftige Gründe, Ihnen heute noch an den Kragen zu wollen?
Ich glaube nicht, dass ich, wie soll ich sagen, Schuld an einer großen Ungerechtigkeit gegenüber einer Person habe. Ich kann aber nicht ausschließen, dass mich irgendjemand vielleicht auch für irgendwas verantwortlich macht, womit ich gar nichts zu tun hatte. Ich will mal ein Beispiel nennen. Mir ist ein Fall bekannt, der sich kurz vor der Wende bei den Kollegen ereignete. Ein führender BFC-Fan, der Scheiße gebaut hatte und erwischt wurde, hatte bei der Polizei gesagt, er werde nur mit einem der beiden für den BFC zuständigen Mitarbeiter sprechen. Man kannte sich ja. Nach dem Gespräch ist dieser BFC-Fan sofort nach Westberlin ausgereist, ohne strafrechtlich belangt worden zu sein. Im Westen wurde er schwer zusammengeschlagen. Die Westhooligans dachten, er sei ein IM gewesen, was er aber nicht war. Der war einfach aus der DDR abgeschoben worden.

Hat die Erkenntnis, dass sich selbst loyale DDR-Bürger nicht zuletzt wegen diverser Stasimachenschaften gegen ihren Staat wendeten, den Blick auf Ihre damalige Tätigkeit geändert?
Das schon, ohne nun alles in Frage zu stellen. Was den Kampf gegen rechts angeht, sehe ich keinen prinzipiellen Unterschied zu den Methoden, die der Verfassungsschutz anwendet. Was mich im Nachhinein noch mehr als früher ärgert, ist, dass unsere Informationen oben keine Resonanz fanden. Das, was wir als Einzelpersonen oder als Team bewirken wollten, kam offenbar gar nicht oben an. Die ganzen Einschätzungen, die wir jedes Jahr über die Zahl gewaltbereiter oder rechtsradikaler Fans, die ja bis zum Ende der DDR kontinuierlich stieg, schrieben - alles anscheinend für die Katz. Ich kann nicht leugnen, dass ich da wohl ebenso naiv war, wie zuvor, als ich mich fürs MfS verpflichtete. Natürlich hatte ich die Vorstellung, etwas zum Guten zu bewirken. Wenn du dann feststellst, das klappt nicht, wirst du halt immer desillusionierter. Andererseits hatte ich nun nicht ständig Frust geschoben und mir auch nicht gleich die großen Moralfragen gestellt.

Warum nennen Sie Ihren richtigen Namen eigentlich nicht? Aus Angst oder aus Scham?
Vor allem aus Angst um meinen jetzigen Job. Ich lebe als kleiner Selbständiger auch von öffentlichen Aufträgen. Vor gar nicht so langer Zeit bin ich einmal aus einem Projekt geflogen, nachdem ich gesagt hatte, dass ich hauptamtlicher MfS-Mitarbeiter war. War wohl auch wieder bisschen naiv von mir.