Fans in der DDR: Ein Stasi-Mann packt aus

»Ich habe niemanden erpresst«

Haben Sie IMs in die Fanklubs geschleust?
Bei den »Borussen« hatten wir drei. Die kamen allerdings aus der Gruppe selbst, sie wurden nicht von uns eingeschleust.

Hatten Sie das Trio unter Druck gesetzt?
Na ja, sagen wir so: Als wir merkten, dass bei den »Borussen« wirklich die Gefahr bestand, dass die nach rechts kippen, haben wir Leute aus der Gruppe zu überzeugen versucht, dagegen zu wirken. Aus meiner Sicht war das kein wirklicher Zwang oder Erpressung. Es waren auch nicht alle Versuche erfolgreich.

Aus Stasiprotokollen ist bekannt, dass gerade renitente Jugendliche oft mehr oder weniger erpresserisch als IMs angeworben wurden. Was heißt im Fall der Fußballfans „kein wirklicher Zwang“?
Wenn man halbwegs verlässliche Informationen haben will, wird man mit Druck nicht viel erreichen oder sie müssen sämtliche Antworten extrem hinterfragen. Ein irgendwie gemeinsamer Nenner ist da immer besser. Das konnte zum Beispiel die Ablehnung rechter Einstellungen sein. Wenn wir mitkriegten, dass ein langjähriges Fanklubmitglied rechte Entwicklungen nicht gut fand und sogar um die Existenz seines Fanklubs fürchtete, sind wir auf den zugegangen. Das war aus unserer Sicht keine Erpressung, sondern die Suche nach einem gemeinsamen Nenner für die Zusammenarbeit.

Es gab also keine Fälle von Erpressung?
Generell hat man im MfS Straftaten von Bürgern sicher gern als Druckmittel ausgenutzt, um sie als IMs zu verpflichten. Wir haben das nicht getan, weil wir langfristig dachten und der Meinung waren, dass es auf dieser Basis wenig bringt.

Haben die IMs Ihre Erwartungen erfüllt?
Nicht alle. Man hat schon manchmal gemerkt, dass die in Gewissenskonflikte kamen. Ich will nicht sagen, dass sie uns an der Nase herum geführt haben, aber sie haben oft erzählt, sie könnten sich an nichts erinnern, weil sie zu betrunken waren.

Haben Sie es dabei belassen?
Ich ja, andere nicht.

Was heißt das?
Nun ja, man konnte beispielsweise  die Zusammenarbeit mit dem MfS quasi aus Versehen im Fanfreundeskreis durchsickern lassen.

Sie haben das nicht gemacht, aber ihre Kollegen?
Ja. Ich weiß, es klingt nach Reinwaschen, es war aber so.

Hatten Sie mehr Skrupel?
Ich bin nicht der Typ dafür, Erpressung ist nicht mein Metier, das muss ich einfach so sagen. Ich wollte eher vernünftig mit den Leuten zusammenabreiten, denn was nützten mir kurzfristige Erfolge.

Haben Sie sich jemals selbst oder mit ihren Kollegen gefragt, ob der Zweck die Mittel Ihrer Arbeit heiligt? 
Klar, haben wir uns schon mal unterhalten und uns gefragt: Was machen wir hier eigentlich? Eigentlich war es ja eine typische Polizeiaufgabe, sich um Hooligans zu kümmern. Wir sahen die Fußballszene nur als Einstiegschance in die rechte Szene. Wir sollten uns ja um die negative Jugend kümmern, deshalb haben wir uns auf die Bekämpfung des rechten Rands mehr oder weniger von selbst konzentriert. Wir brauchten ja auch etwas, womit wir uns auch identifizieren konnten.

Reden Sie sich Ihre Aufgabe jetzt schöner als sie war?
Nein. Wir vier Mitarbeiter, die sich um die Fußballfans kümmerten, haben den Kampf gegen rechts wirklich zu unserem Schwerpunkt gemacht. Deshalb fanden wir es auch Quatsch, zu jedem Spiel zu müssen. Das was Polizeiaufgabe. Ein typischer Weg von DDR-Jugendlichen nach rechts war: gewaltbereiter Fußballfan-Hooligan-Rechtsradikaler.

Hatten Sie sich nicht spätestens in der Spätphase der DDR mal gefragt: Was bringt das eigentlich, was ich hier mache?
Klar war ich manchmal frustriert. Vor allem Ende der Achtzigerjahre hatte sich die Situation sehr verschärft. Es wurde allgemein aggressiver und brutaler, egal gegenüber wem. Immer mehr Fans wollten sich austoben, es wurde immer schlimmer. Der 1. FC Union hatte sich sogar mal bei der Polizei beschwert, dass die Union-Fans auswärts in Sachsen von der Polizei besonders hart angefasst würden. Insgesamt hatte die Situation viel mit der Unzufriedenheit gegen den Staat zu tun, aber was sollten wir dagegen machen. Das konnten wir ja nicht ändern. Es herrschte schon eine gewisse Hilflosigkeit, wie man der Situation begegnen kann. Wir hatten uns irgendwie damit abgefunden.