Fans in der DDR: Ein Stasi-Mann packt aus

»Ein Punk informierte Egon Krenz«

Was heißt Sorgen machen?
Es gab in den Achtzigern in der DDR Fußballfans, die sich in eine bestimmte Richtung entwickelten, die zu Rechtsradikalen wurden. Die Fanblöcke in den Stadien waren der Ort, wo die Rechten ihr Personal rekrutierten.

Woher wussten Sie denn, ob die Fangruppierungen tatsächlich rechtem Gedankengut nachhingen oder nicht nur den betont antifaschistischen Staat provozieren wollten?
Bei den Unioner »Borussen« waren einzelne Mitglieder bereits nach rechts abgesackt. Die hatten über Postfächer rechtsgerichtete Propaganda geschickt bekommen.

Woher?
Aus Westdeutschland. Von dort bekamen einige Leute Aufnäher mit Hakenkreuz, »Mein Kampf«-Schriften, Plakate oder Handzettel von den »Republikanern«.

Woher wussten Sie das?
Wir hatten eine Abteilung für Postüberwachung. Die gab uns Tipps, wer zu wem Kontakte hatte. Die meisten Verbindungen zum Beispiel zwischen Westberliner Hertha-Fans und Union-Fans bei uns waren aus meiner Sicht harmlos. Da ging es oft um solche Sachen wie, welche Konzerte man so besucht. Aber es gab auch eine kleine Szene, wo Fans aus dem Westen zu Oberligaspielen rüber kamen. In der Regel nur nach Ostberlin, sowohl zum BFC als auch Union, weil es das einfachste war. Normalerweise waren das Westberliner, nur in Ausnahmen auch Fans aus Westdeutschland, die gerade zu Besuch bei ihren Westberliner Bekannten waren.  

Das hat das MfS alles mitbekommen?
Sicher, wenn auch manchmal zu spät. Die kamen ja in zivil und nicht mit Kutten.   

Die Stasi fürchtete also die Hooligans weniger als Bürgerschrecks, sondern mehr als politische Abweichler?
Für uns war das Hauptproblem die politische Ausrichtung dieser Leute, insbesondere die, die es an den rechten Rand zog.

Obwohl es Rechte offiziell gar nicht gab in der DDR?
Na ja, seit Beginn der Achtziger waren immer mehr junge Leute aufgetaucht, die öffentlich rechte Parolen äußerten oder Symbole zeigten. Gerade in den Fußballstadien. Nach meiner Information hat sich das MfS überhaupt erst mit dem Thema rechter Fußballfans in den Oberligastadien befasst, nachdem Egon Krenz 1984 von einem Punk direkt angesprochen wurde. Der soll mitten auf der Straße auf Krenz zugegangen und sich über Neonazis innerhalb von Fußballfangruppen beschwert haben. Daraufhin ist das Thema wohl erst in den oberen Etagen wahrgenommen worden. Ob das vorher nicht bekannt oder einfach nicht angekommen war, was von den Sicherheitsorganen berichtet wurde, weiß ich nicht.

Welches waren denn berüchtigte Fangruppen, die mit rechten Parolen auffielen?
Bei Union waren das die »Borussen«, ungefähr 25 Mann. Beim BFC hatten die »Black Eagles« seit Anfang der Achtziger einen berüchtigten Ruf.

Wie hat man sich bei der Stasi erklärt, dass sich ausgerechnet beim BFC Dynamo, der Verein der Sicherheitsorgane, so eine krasse rechte Szene entwickelt hatte?
Keine Ahnung, wie das intern bewertet wurde. Für mich ist die Erklärung ganz einfach. Die Fans, die für uns damals sehr interessant waren, kamen fast alle aus Funktionärsfamilien. Viele ihrer Eltern waren sogar MfS-Mitarbeiter, die hatten einfach bestimmte Freiheiten.

Wurden sie weniger verfolgt?
Von uns wurde keine Rücksicht genommen, von der Polizei schon. Wenn man mitbekam, wer der Vater so eines Rowdys war, was die Polizisten in der Regel ja schnell erfuhren, dann erfolgte die Reaktion auf ihre Handlungen jedenfalls immer relativ spät.

Haben sich die Westberliner auch mal mit Ostberliner Fans verbündet, um gemeinsam  gegen Fans anderer Ostklubs ins Feld zu ziehen?
Ja, das gab es. Gelegentlich sind Westler gemeinsam mit Unionern in der Alten Försterei gegen die Auswärtsfans anderer Oberligamannschaften vorgegangen.
 
Wurden da auch Westler verhaftet?
Ja, aber ansonsten gab es erstmal keine weiteren Konsequenzen, maximal eine Geldstrafe. Die wurden einfach wieder nach drüben abgeschoben. Zu bestimmten Spielen gab es für bestimmte Leute dann auch Einreiseverbote. Zum Beispiel für die brisanten Derbys BFC gegen Union oder für die FDGB-Pokalendspiele im Stadion der Weltjugend. Die Westler kamen ja nicht regelmäßig, sondern haben sich auch ihre Highlights ausgesucht. Union gegen Aue war da relativ uninteressant, aber die Spiele gegen Leipzig, BFC oder Dresden fanden sie schon attraktiv, weil diese Mannschaften halt auch gewaltbereite Fans mitbrachten.

Welche DDR-Vereine waren in der Hinsicht Spitze?  
BFC Dynamo auf jeden Fall, Magdeburg, Lok Leipzig, Dresden. Die Rostocker waren auch nicht ohne.