Fangewalt in Indonesien

»Wir sollten den Fußball sterben lassen«

Seit 1995 starben in Indonesien über 60 Fußballfans. Politiker und Verbandsfunktionäre schauen weg. Nur ein Journalist aus Jakarta will sich nicht damit abfinden.

Muhammad Fadli
Heft: #
194

Akmal Marhali, Sie leiten in Jakarta die Organisation »Save our Soccer«. Was machen Sie da genau?
Wir berichten über Korruption, Manipulation und Fangewalt. Wir sind vermutlich die unbeliebtesten Menschen im indonesischen Fußball.

Warum?
Weil wir die Wahrheit erzählen, die niemand hören möchte. Die Verantwortlichen ignorieren unsere Statistiken oder leugnen sie. Sie können mir glauben: Wir kennen die Küche. Ich arbeite seit vielen Jahren als Journalist, mein Mitarbeiter Llano Mahardika war für den Verband tätig und Geschäftsführer bei Surabaya.

Was sagen Ihre Statistiken?
Seit 1995 haben wir im indonesischen Fußball 65 Tote gezählt. (Zum Vergleich: In Deutschland sind seit Bundesligastart 1963 drei Fälle bekannt, d. Red.) Die Zahlen steigen jährlich an, alleine 2017 starben elf Fans, und das sind nur die Fälle, die uns bekannt sind. Die Dunkelziffer könnte also noch viel höher liegen. Viele der Opfer sind noch Kinder. Wir machen sie sichtbar.

Wie?
Wir sprechen über sie in den Medien, wir verschicken Newsletter mit unseren Daten. Der erste starb am 28. Januar 1995. Sein Name war Suhermansyah, ein Fan von Persebaya. Der letzte uns bekannte Fall ist von Banu Rusman, einem 17-jährigen Anhänger von Persita Tangerang. Er wurde am 11. Oktober 2017 erschlagen. Die meisten Toten, 15, stammen aus Persebaya. Aus Bandung sind uns fünf Fälle bekannt, von Persija sechs.

Was sind die häufigsten Todesursachen?
Viele sterben auf der Anreise. Sie werden auf den Highways von rivalisierenden Ultras angegriffen, sie fallen aus dem Bus. Die meisten, nach unserer Zählung 24, werden aber zu Tode geschlagen oder getreten. 14 Fans starben durch Messerstiche. Zwei fielen von den Tribünen, einer wurde erschossen, einer von einem Feuerwerkskörper getroffen.

Der letzte Fall wurde sogar in europäischen Medien aufgegriffen.
Es war ein Freundschaftsspiel zwischen Indonesien und Fidschi im Patriot Candrabaga Stadium in Bekasi. Kurz vor Ende der Partie zündete ein Fan eine Feuerwerksrakete. Er schoss sie aber nicht in den Himmel, sondern auf eine andere Tribüne. Sie traf einen Fan. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus an den Verbrennungen.


Im Interview: Akmal Marhali, 38 Jahre, Leiter der Organisation »S.O.S. – Save our Soccer«. (Foto: www.instagram.com/akmalmarhali)

Ratu Tisha Destria, die neue Generalsekretärin des indonesischen Fußballverbands, möchte eine Abteilung für Fanbelange gründen. Was halten Sie davon?
Früher hat man im Verband gesagt, dass Ausschreitungen und Fans nicht im Verantwortungsbereich des Verbands liegen. Von daher ist diese Aussage schonmal ein Fortschritt. Generell sind Fanprojekte und Fanarbeiter wichtig. Ob sie in Indonesien funktionieren, muss man sehen.

Was würde denn helfen?
Zum einen sollte man sich mit den Fans beschäftigen, ihnen zuhören und sie nicht nur als Ware sehen. Es wäre gut, den Fans mehr Verantwortung zu geben. So wie in Deutschland, wo es Vereine gibt, die sich zum Teil im Besitz von Fans befinden. Außerdem brauchen wir eine bessere Infrastruktur, besseres Ticketing, bessere Security, bessere Polizei.

Ein Law-and-Order-Paket?
Achten Sie darauf, ob Sie am Stadioneingang überhaupt kontrolliert werden. Theoretisch ist es nicht schwer, scharfe Waffen mit ins Stadion zu nehmen. Die Polizei ist mit der ganzen Situation überfordert. Wenn sie ein Problem sieht, versucht sie es zu umgehen. Das beste Beispiel ist die Verlegung des Clasicos (Persija Jakarta gegen Persiba Bandung, d. Red.) nach Surakarta. Ich meine, wie irrwitzig ist das: Die Fans von Persija müssen nun mehrere hundert Kilometer durch ein Gebiet fahren, in dem vornehmlich Persib-Ultras zu Hause sind. Die Konfrontation ist vorprogrammiert. Die Polizei in Jakarta interessiert diese aufgeladene Atmosphäre aber nicht. Sie ist froh, dass sie das Problem nicht mehr vor der eigenen Haustür hat.

Sollte die Fifa dem indonesischen Fußball helfen?
Die Fifa verweist darauf, dass eine nationale Liga nicht in ihrer Verantwortung liegt. Aber der indonesische Fußball benötigt die Hilfe von international erfahrenen Leuten.

Immerhin spielen mittlerweile einige Profis in Indonesien, die lange in Europa aktiv waren. Michael Essien und Carlton Cole sind zum Beispiel für Bandung aktiv.
Ich meine aber damit nicht Spieler oder Trainer. Was wir brauchen, sind Administratoren aus Europa. Männer, die die ganze Struktur aufbrechen.

Gibt es keinen öffentlichen Aufschrei, wenn wieder ein Fan stirbt?
Wenn der Fall überhaupt bekannt wird, trauert die Öffentlichkeit ein oder zwei Tage – und das war’s. Unter den Fans kursiert ein Witz: »Einer stirbt, aber 1000 neue werden geboren.« Es gibt ein paar kritische Medien, wie etwa die Zeitung »Tempo«, aber die meisten Leser interessieren sich mehr für leichte Kost.

Warum fehlt vielen jungen Fans eigentlich der Respekt vor dem Leben eines anderen Menschen?
Fußball ist nach dem Islam die größte Religion in Indonesien. Und eigentlich ist es absurd: Sie glauben an die Hölle und den Himmel, sie achten ihre Eltern, aber sie trinken, sie rauchen und sie töten – und werden dafür sogar als Helden gefeiert. Dieser Widerspruch hängt mit der blutigen Geschichte dieses Landes zusammen. Junge Menschen wachsen hier immer noch mit den schlimmen Bildern aus der Vergangenheit auf. Mit den Massakern aus den Sechzigern, der Diktatorenzeit von Suharto bis in die späten Neunziger. Und viele junge Fans sind keine gefestigten Charaktere. Sie kommen aus ärmsten Verhältnissen, finden aber Halt in der Gruppe. Mehr jedenfalls als bei Erwachsenen und Autoritäten. Der Fußball ist korrupt, und die Türen sind offen für Manipulationen. Wem können sie denn überhaupt trauen im indonesischen Fußball? Wo sind ihre Vorbilder?

Viele indonesische Fans orientieren sich an der englischen Fankultur. Warum?
Sie kennen das meiste nur aus dem Internet. Sie sehen die einschlägigen Hooligan-Filme auf DVD. Sie denken, dass die Hooligans von West Ham United die Härtesten sind. Sie berufen sich allerdings auf eine Zeit, die in Europa lange schon vorbei ist. Trotzdem tragen sie weiterhin die Klamotten der englischen Jungs, weil sie es auf Youtube gesehen haben. Sie laufen mit dicken Windbreakern, langen Hosen und Kapuzenpullovern herum. Das muss man sich mal vorstellen: Bei 35 Grad! In Indonesien!

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Ich sage immer: Lasst den Fußball sterben, zumindest für ein oder zwei Jahre. Danach beleben wir ihn wieder. Mit einem Charity-Turnier, bei dem alle Mannschaften teilnehmen. Zu dem Turnier kommen alle rivalisierenden Fangruppen. An die Zäune hängen wir die Bilder der Verstorbenen und schreiben ihre Namen darunter. Es soll ein Gedenktag werden, ohne Gewalt, ohne Hass. Am Ende reicht man sich die Hand. Wissen Sie, was der Verband zu dazu sagt? »Herr Marhali, das ist keine gute Idee!«

Für Ausgabe #194 haben wir Ultras von Persija Jakarta zum Clasico gegen Persib Bandung begleitet. Die Ausgabe könnt ihr bei uns im Shop nachbestellen. Das große Web-Dossier lest ihr hier.