Fanfreundschaft Köln und St.Pauli

»Eine Generationenfrage«

Köln gegen St.Pauli – das ist auch das Treffen von befreundeten Fans. Remo Cennamo kennt die Geschichte der kölsch-norddeutschen Beziehung seit den siebziger Jahren. Der FC-Fan spricht über Feiern nach dem Spiel damals und heute. Fanfreundschaft Köln und St.Pauli

Remo Cennamo ist Fan des 1.FC Köln seit über dreißig Jahren. Trotzdem unterstützt er auch den FC St.Pauli. Vor allem, weil er dort in seiner Jugend, als das Wort Fanfreundschaften noch ganz neu war, Freunde kennengelernt hat. Seinen Töchtern hat er später Schals des Hamburger Kultvereins geschenkt. Mit seinem Kölner Fanklub »Ultima Ratio« ist Remo Cennamo als Vorsitzender auch heute noch mit der Familie bei Auswärtsspielen am Millerntor vertreten. Wir haben mit dem FC-Fan über echte Fanfreundschaften gesprochen.

Remo Cennamo, wie groß ist die Vorfreude vor Spielen gegen den FC St. Pauli?
Gegen St.Pauli zu spielen, ist natürlich toll. Die St. Pauli-Fans vermitteln ein besonderes Lebensgefühl. Ich verbinde mit dem Verein und seinen Fans schöne Erinnerungen. Abende in der Hafenstraße, Diskussionen nach dem Spiel. Wahrscheinlich spielt da auch so ein bisschen romantische Verklärung eine Rolle. Unter den St.Pauli-Fans habe ich viele Leute kennengelernt, die den Fußball so sehen wie ich. Leider ist das im Laufe der Zeit immer weniger geworden.

Das hört sich tatsächlich etwas melancholisch an. Was hat sich seitdem verändert?
Vielen St.Pauli-Fans ist es heutzutage relativ egal, mit wem sie es zu tun haben. Sie interessieren sich für den Fußball, für den FC St.Pauli und sind auch einem gepflegten Bier mit Leuten, die sie sympathisch finden, nicht abgeneigt. Auch mit uns trinken sie. Aber eben nicht, weil wir Köln-Fans sind, sondern weil es eben dazu gehört.

Wie kommt das bei euch als FC-Fans an?

Die Kölner Szene ist aktuell sehr zweigeteilt. Da gibt es die ältere Generation, die eine echte Fanfreundschaft zum FC St. Pauli weiterhin pflegen will. Diese Leute suchen auch wirklich die Nähe zu bestimmten St.Pauli-Fans. Genauso gibt es aber auch Fans, die St. Pauli überhaupt nicht ausstehen können, dem Klub Kommerz vorwerfen und den Kontakt meiden. Häufig gehen diese Fans demonstrativ wortlos nach dem Spiel aneinander vorbei. Das hätte es bei uns nicht gegeben.

Das klingt wie ein Aufeinandertreffen verschiedener Generationen und Ansichten.
Auch unter den Fußballfans ist eine ganz neue Generation herangewachsen. Die junge Ultraszene auf beiden Seiten hält von dieser Fanfreundschaft eigentlich gar nichts. Beim FC St. Pauli sind die Ultras höchstens an internationalen Fanfreundschaften, beispielsweise mit Celtic Glasgow, interessiert. Mit anderen Bundesligaklubs, auch mit uns, gehen sie eher auf verbale Konfrontation. Und auch die »Wilde Horde« beim FC und die USP von St.Pauli können nicht viel miteinander anfangen.

Wieso versucht die alte Generation nicht, alte Freundschaften wieder aufleben zu lassen?
Viele von uns sind aus den neuen Fanszenen rausgewaschen worden. Zudem haben einige Familie und Kinder und können sich häufig gar nicht mehr so aktiv beteiligen. Bei Auswärtsspielen bucht man dann schon eher mal ein Hotel, in dem man mit der Familie bleibt. Unser Fanprojekt bietet zwar auch verlängerte Aufenthalte an, damit man zusammen mit St. Pauli-Fans abends noch auf die Reeperbahn gehen kann. Früher wurden solche Treffen aber stark von beiden Seiten vorangetrieben und nicht nur als organisierter Trip angeboten. Das hat auch damit zu tun, dass Feiertouren nach Hamburg inzwischen professionell vermarktet werden. Für mich ist dieser Drang, in der Gruppe in einer Kneipe mit anderen Fans nach dem Spiel abzuhängen, ist nicht mehr so stark. Bei uns gab es noch Kontakte, die über das Spiel hinaus Bestand hatten.

Also eine wirkliche Freundschaft?
Klar. Ich wollte und konnte mich tatsächlich mit anderen Fans unterhalten, auch über andere Dinge als Fußball.

In den siebziger Jahren war das Wort »Fanfreundschaft« auch noch nicht so präsent. Was macht denn heutzutage eine echte Fanfreundschaft aus?

Auf jeden Fall ist eine echte Fanfreundschaft eine organisierte Sache und nicht nur das Bier nach dem Spiel. Der Kontakt muss auch gepflegt werden und man bietet gegenseitig Veranstaltungen an, zu denen man einlädt. Gemeinsame Freundschaftsschals, eine enge Zusammenarbeit der größten Fanklubs, regelmäßige Treffen. Auch das ist nicht mehr so stark gegeben wie früher.



Worauf hat die enge Verbindung der beiden Vereine in den siebziger Jahren basiert?
Früher war der FC St. Pauli eigentlich ein ziemlich lahmer Verein. Zum Kultverein ist der Klub erst später geworden. Sicherlich hat die Legende von der Kölner Meisterschaft 1978 eine große Rolle gespielt, als die St.Pauli-Fans den FC trotz der 0:5-Niederlage als Meister gefeiert haben. Angeblich haben die St.Pauli-Fans ein Gefühl dafür gehabt, dass das Spiel der Gladbacher gegen Dortmund (Gladbach siegte 12:0 und wäre damit bei einem knappen Kölner Sieg Meister geworden, Anm.) abgesprochen sein könnte.

Dafür müssen die Kölner die St.Pauli-Fans geliebt haben.
Die Stimmung war natürlich toll. Wir Kölner Fans haben uns auf der Tribüne zuerst einmal verwundert angeschaut und uns gedacht: »Moment mal, wir sind doch die FC-Fans.« Das hat sich bei der gemeinsamen Feierei dann aber schnell gelegt.

Kannst Du konkret sagen, wieso das Interesse von Seiten des FC St.Pauli später so abgenommen hat?
In den siebziger und achtziger Jahren gab es zu meiner Zeit viele St.Pauli-Fans, die auch in Köln gelebt und studiert haben. Die haben solche Aktionen hier vor Ort angetrieben und auch in Hamburg propagiert. Diese Kontakte gibt es heute nicht mehr. Viele Fans tauschen sich nur sehr oberflächlich aus. Wenn man in den Fanforen stöbert, sieht man, dass die echten Unterstützer der Fanfreundschaft schnell isoliert werden und höchstens noch ihre privaten Kontakte pflegen.

Hast Du resigniert?
St. Pauli ist nach wie vor ein Highlight für uns. Besonders die Auswärtsspiele zählen für uns immer noch zu den wichtigsten der Saison. Wir sehen das auch bei der Nachfrage an den Karten, dass Spiele auf St.Pauli für uns Kölner immer noch etwas Besonderes sind. Der Ruf eilt dem Verein voraus. Allerdings gilt es eben nicht mehr, die Fanfreundschaft zu pflegen. Die Leute versprechen sich eher viel Spaß und eine besondere Atmosphäre am Millerntor. Das müssen wir so akzeptieren.