Fährt jetzt mit Russland zur EM: Roman Neustädter

»Ein Kindheitstraum geht in Erfüllung«

Eben noch Deutscher, jetzt Russe: Schalkes Roman Neustädter hat eine neue Nationalität und fährt jetzt zur EM. Wie nehmen ihn die neuen Kollegen auf? Und wie verträgt sich seine tolerante Weltsicht mit der russischen Ignoranz?

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Roman Neustädter, herzlichen Glückwunsch zur russischen Staatsbürgerschaft. Wo ist eigentlich Ihr deutscher Pass?
Den musste ich bei den Behörden abgeben. Gerade erwischen Sie mich bei meiner ersten Flughafen-Passkontrolle als Russe. Der Pass wurde mir im russischen Konsulat in Bonn überreicht. Ich hatte auf die doppelte Staatsbürgerschaft gehofft, aber das war vorerst nicht möglich.

Dieses Stück Papier bedeutet, dass Sie mit der russischen Nationalmannschaft zur EM fahren dürfen. War das der vorrangige Beweggrund, dass Sie sich um die russische Staatsbürgerschaft bemüht haben?
Eine doppelte Staatsbürgerschaft ist in Deutschland eine etwas kompliziertere Angelegenheit. Ich habe mich deshalb rein aus Bequemlichkeit neben meinem damaligen deutschen Pass, nicht um einen zusätzlichen russischen oder ukrainischen Pass gekümmert.  Es ist toll, wenn man sein Land auf einem Turnier wie der Europameisterschaft repräsentieren darf. Klar hätte ich mich gefreut, wenn das mit dem DFB funktioniert hätte, aber die sind auf der Position bereits top besetzt. Die Ukraine hat mich nie offiziell eingeladen. Da ich aber auch Russe bin, freue ich mich nun sehr, Russland zu vertreten zu dürfen.



(Quelle)

Wie hat der russische Verband um Sie geworben?
Im vergangenen Winter erfuhr ich aus der Presse vom Interesse des russischen Verbands. In der letzten Winterpause bestätigte Horst Heldt mir, dass sich die Verantwortlichen bei ihm gemeldet hätten. Von da an bemühte ich mich um den ganzen Papierkram.

Fiel Ihnen die Entscheidung leicht, Ihren deutschen Pass gegen einen russischen Pass einzutauschen?
Ich hoffte ja eigentlich auf die doppelte Staatsbürgerschaft. Der Antrag wurde dann später leider abgelehnt. Es ist nicht so, dass ich keinen Bezug zu Russland habe – im Gegenteil. Meine Mutter ist in Russland aufgewachsen und ihre Eltern sind auch Russen. Ich bin in der ukrainischen Stadt Dnjepropetrowsk geboren, weil mein Vater dort zu der Zeit Fussball gespielt hat. Ich habe bis zu meinem fünften Lebensjahr bei meinen Großeltern in Kirgistan gelebt und bin dann nach Deutschland gekommen. Mein Vater ist in Kirgistan geboren, seine Eltern haben aber eine deutsche Abstammung (Neustädters Vater ist der ehemalige Profi und heutige Trainer Peter Neustädter, d. Red.). Ich spreche fließend russisch und kann auch alles lesen und schreiben. Meine Eltern und mein Bruder besitzen mittlerweile alle nur noch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Sie sind erst seit wenigen Tagen offizieller russischer Nationalspieler. Wie fiel die Begrüßung der neuen Kollegen aus?
Ich hatte deshalb meine Bedenken. Als Neuling zur Mannschaft zu stoßen und dann direkt in ein Turnier starten – das kann schon ein gewisses Konfliktpotential mit sich bringen. Aber die Jungs waren super offen und haben gleich ihre Hilfe angeboten, falls ich irgendwas nicht verstehen sollte. Vermutlich hatte ich sie da noch nicht mit meinen Russischkenntnissen überzeugt (lacht). Sie fragen viel über das Leben als Fußballer in Deutschland und erzählen von Russland. Eine sehr angenehme Atmosphäre. Auch wegen Nationaltrainer Leonid Slutsky.

Der sich sehr um Sie bemüht haben soll. Was ist er für ein Typ?
Er ist ein sehr umgänglicher und lustiger Typ. Ich komme super mit ihm klar.

Wie schätzen Sie die Qualität des Kaders ein?
Wir haben einen ganzen Haufen erfahrener Spieler dabei, da ist sehr viel Routine vorhanden. Das kann bei so einem Turnier sicherlich eine positive Rolle spielen. Mit meinen 28 Jahren gehöre ich in der Mannschaft fast noch zu den jungen Hüpfern (lacht). Ich bin erst seit kurzem dabei, habe noch kein Spiel mitgemacht, glaube aber, dass wir eine gute Rolle spielen können.

Worauf freuen Sie sich bei diesem Turnier am meisten?
Jedes Spiel wird ein Topspiel. Für mich ist die EM eine komplett neue Erfahrung und ein Kindheitstraum. Ich freu mich einfach riesig dabei zu sein.

Sie haben vor wenigen Monaten viel Aufmerksamkeit bekommen, weil Sie nach einer homophonen Anfeindung via Instagram diese Antwort veröffentlichten: »Ich habe diesen ganzen negativen Scheiß satt. Es ist 2016. Falls du ein Rassist oder homophob bist, verpiss dich von meinem Instagram-Account«. Jetzt hat Ihnen mit Wladimir Putin ein Mann die russische Staatsbürgerschaft ermöglicht, der Gesetze gegen »homosexuelle Propaganda« durchdrückt und das öffentlich mit den Worten »Schwulenehen produzieren keine Kinder« verteidigt. Hat das irgendwie eine Rolle für Sie gespielt?
Nein. Meine persönliche Einstellung hat nichts mit meiner Nationalität zu tun.

Abschließend möchten wir Sie noch vor Katzen warnen?
Warum?

Ihr Trainer Slutsky musste seine Spielerkarriere vorzeitig beenden, weil er sich bei der Rettung der Nachbarskatze das Knie ruinierte.
Oha, das wusste ich noch gar nicht. Falls ich meinen neuen Kollegen doch noch zum Einstand einen ausgeben muss, kann ich die Story ja mal ansprechen.