Ex-Wunderkind Marco Quotschalla über Martin Ödegaard

»Musste viele Neider erleben«

Als er zwölf Jahre alt war, unterzeichnete Marco Quotschalla (26) einen Acht-Jahres-Vertrag mit dem 1. FC Köln. Hier spricht er über das aktuelle Wunderkind des Weltfußballs, Martin Ödegaard.

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Marco Quotschalla, der 16-jährige Norweger Martin Ödegaard, eines der größten Nachwuchstalente des Weltfußballs, verdient bei Real Madrid vermutlich 100.000 Euro pro Monat. Im Interview mit 11FREUNDE hat der Ajax-Amsterdam-Trainer Frank de Boer gesagt, er fände das »pervers«. Wie lautet Ihre Meinung?
In diesem Fall möchte ich Frank de Boer nicht widersprechen.

Gleich eine ganze Handvoll Spitzenklubs haben Ödegaard monatelang umworben, Real zahlte schließlich vier Millionen Euro Ablöse für ihn, beim ersten Training wurde er von Cristiano Ronaldo in Empfang genommen. Sie waren zwölf Jahre alt, als Sie vom 1. FC Köln für acht Jahre unter Vertrag genommen wurden. Wird man als junger Kerl durch diesen ganzen Wahnsinn nicht verdorben?
Ich sage es mal so: Optimal ist das nicht unbedingt für die Entwicklung. Bei mir war es damals weniger der Vertrag an sich, sondern die zum Teil verletzende und beleidigende Berichterstattung, die mich und meine Familie am meisten irritiert hat.

Welche Schlagzeile werden Sie nie vergessen?
»Vater verkauft Sohn«. Das war eine absolute Frechheit und ein Angriff auf meine Familie, gegen die wir dann auch rechtlich vorgegangen sind. Mit solchen Dingen mussten sich meine Mitspieler natürlich nicht rumärgern. Im Nachhinein betrachtet hat der damalige Medienhype meiner Karriere nicht gut getan.

Apropos Mitspieler: Wie oft wurde Ihnen damals von Teamkollegen oder Gegnern die Sache mit dem Vertrag aufs Brot geschmiert?
Natürlich war ich bei den Spielen das Thema Nummer eins. Da hieß es dann: »Guck mal, da kommt der Junge, der schon Geld verdient. Der den Acht-Jahres-Vertrag vom FC bekommen hat!« Ich habe viele Neider erleben müssen. Aber letztlich war das alles noch im Rahmen und in Relation zu den Medienreaktionen das deutlich kleinere Übel.

Hatte diese Geschichte, abgesehen von dem Vertrag und dem Geld, auch Vorteile für Sie?
Ich war sicherlich viel eher als andere Spieler sehr geübt und erfahren im Umgang mit der Presse. Das ist für einen Fußballer ja kein Nachteil.

Wie aktuell Martin Ödegaard wurde Ihnen damals eine ganz große Karriere prophezeit. Bis heute stehen zwei Bundesligaspiele für Alemannia Aachen und ein Jahr im Profikader von Schalke 04 in Ihrer Bilanz. Und gerade erst im Januar haben Sie bei der TuS Koblenz unterschrieben, einem Regionalligisten. Sind Sie zufrieden mit Ihrer bisherigen Laufbahn?
Sie haben die Bundesligaspiele und die Zeit beim FC Schalke erwähnt, natürlich bin ich da stolz drauf, weiß aber auch, dass es zu der ganz großen Karriere noch nicht gereicht hat. Aktuell freue ich mich, bei der TuS unter Vertrag zu stehen. Aber ich bin erst 26, ich habe noch einige Jahre und auch wenn es sehr schwer sein dürfte: den Traum von der Bundesliga habe ich noch nicht abgeschrieben.

Auch auf Martin Ödegaard werden Rückschläge zukommen. Sie wurden 2005 vom damaligen Kölner U-19-Trainer Frank Schaefer ausgemustert und verließen Ihrem Heimatverein. Wie geht man damit um?
Selbstverständlich ist das hart. In meinem Fall sogar noch schwerer zu verstehen, weil mich Herr Schaefer zuvor nicht einmal hatte spielen sehen. Aber wie es so ist im Leben: Schließt sich die eine Tür, öffnete sich eine andere. Ich wechselte zu Alemannia Aachen und konnte mir da später meinen Traum von der Bundesliga erfüllen. Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich beim FC geblieben wäre.

Vielleicht wissen Sie ja mehr als wir: Wer ist das kommende Wunderkind des deutschen Fußballs?
Oh, da bin ich leider auch überfragt. Aber ich bin mir sehr sicher: Während wir hier sprechen, tritt der nächste Ödegaard bestimmt irgendwo gegen einen Ball.