Ex-Kreisliga-Stürmer Hendrik Weydandt über seinen Weg in die Bundesliga


»Du bist natürlich gleich wieder die Gurke aus der Kreisliga«

Andererseits hatten Sie nur eine Woche Zeit, um auf sich aufmerksam zu machen…
Aber es ist ein großer Unterschied, ob ich das auf dem Platz mache oder abseits davon. Auf dem Platz habe ich versucht, meinen Instinkten zu folgen und so Fußball spielen, wie ich es immer schon mache.

Mussten Sie beim Niveau im Training erstmal schlucken?
Absolut. Aber das hatte ich auch so erwartet. Deswegen fühlte es sich nicht so an, als würde ich gegen eine Wand laufen. Ich hatte das alles so ähnlich schon mal erlebt. Denn im Endeffekt war der Schritt in die Bundesliga für mich so ähnlich wie der aus der Kreisliga in die Regionalliga. Du musst in den ersten Wochen so viel aufnehmen wie möglich. Damit du so schnell wie möglich auf das Niveau kommen kannst, das alle um dich herum haben. Zum Glück habe ich die Lernbereitschaft und schnappe Dinge schnell auf. Die Umsetzung gelingt mal besser und mal schlechter. Aber so lange du über einen längeren Zeitraum einen Aufwärtstrend zeigst, ist alles gut.

Bei welchen Dingen merken Sie: Das habe ich einfach nie gelernt.
Beim Schritt von der Kreisliga in die Regionalliga war es das Taktische. Da bin ich zu Beginn herumgelaufen wie Falschgeld. Beim Schritt in die Bundesliga waren es vor allem technische Fähigkeiten. Gerade beim ersten Kontakt, der ja als Stürmer enorm wichtig ist. Ich merke einfach, dass ich keine Akademie durchlaufen habe.

Haben die neuen Kollegen Sie zunächst kritisch beäugt?
Nein. Die Zweifel kamen eher von Leuten, die nicht so nah an einem dran sind.

Inwiefern?
Schon als ich aus Groß Munzel nach Egestorf wechselte, haben sich manche Leute das Maul zerrissen, flüchtige Bekannte aus der Fußballbranche. Nach dem Motto: »Was will der Weydandt da? Der kommt aus der Kreisliga, das sieht man doch.« Dann vergibst du eine Chance, die vielleicht auch ein gestandener Regionalliga-Stürmer vergeben hätte, aber du bist natürlich gleich wieder die Gurke aus der Kreisliga, der Blinde. Im Sommer war es das gleiche Gerede.

Das Gerede dürfte recht schnell verstummt sein. Mit ihren ersten drei Profi-Schüssen erzielten Sie drei Tore. Zunächst zwei im Pokal gegen den KSC und dann, in der Bundesliga, gegen Werder Bremen.
In Bremen waren viele 96-Anhänger da, beim Tor wurde es richtig laut. Ein Moment, den man in der Regionalliga so nicht bekommt.

Ihr Tor wurde erst gegeben, nachdem der VAR es überprüft hatte. Weswegen Sie nicht sofort in Ekstase verfallen konnten. Stellt man sich den Jubel über das erste Bundesliga-Tor nicht ein bisschen anders vor?
Sagen wir mal so: Heutzutage würde ich nicht zögern, sondern einfach losjubeln. Natürlich ist es doof, wenn es dann zurückgenommen wird. Aber noch doofer war es, nicht zu jubeln, und dann mitzubekommen, dass es ein Tor war und zählt.

Stichwort Nervosität: War das für Sie ein Problem?
Beim ersten Heimspiel, gegen Hoffenheim, hatte ich die ersten zwei, drei Minuten den Kopf nicht richtig auf dem Platz. Ich wusste, hier sind fast ausschließlich Hannover-Fans, das hat mich zunächst  erschlagen. Aber das Gefühl hat sich zum Glück schnell gelegt. Seitdem beeinflusst es mich kaum. Was gut ist, denn als Auswechselspieler mache ich mich oft vor den gegnerischen Fans warm und bekomme den einen oder anderen Spruch gedrückt, von wegen Kreisliga-Pfeife. So Sachen hört man ja raus.

Gibt es einen Bundesliga-Innenverteidiger, der Sie nachhaltig beeindruckt hat?
Die Frankfurter Innenverteidiger sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Beim Spiel gegen die Eintracht musste ich zum ersten Mal richtig durchpusten. Die Zweikämpfe gegen Marco Russ, Evan Ndicka und Makoto Hasebe waren brutal schwer. Da ist mir zum ersten Mal so richtig aufgefallen, dass Bundesliga-Verteidiger kaum Schwächen offenbaren. Das Stellungsspiel, die Geschwindigkeit, die kleinen Tricks. Ich dachte nur: Alter Schwede.

Hatten Sie im Sommer überhaupt noch den Traum, Profi zu werden?
Es spukte mir zumindest noch durch den Kopf. Es gab ja schon 2017 Angebote aus der 3. Liga.