Ex-Bayern-Pressesprecher Markus Hörwick im Interview

»Es herrschte ein Chaos, wie ich es in 30 Jahren Bayern nicht gesehen habe«

Legendär ist Giovanni Trapattonis »Flasche-Leer«-Rede. Heute können Sie darüber lachen, seinerzeit sicher nicht...
Das war damals für den Verein, aber auch für mich nicht so lustig. Als Pressesprecher hat man ja die Aufgabe, Schaden vom Verein fernzuhalten. In dem Moment war es ein Schaden. (Wer damals auch noch dabei war und hinter der Tür lauschte, lest ihr hier.) 

Sind sie von Trapattonis Auftritt überrascht worden?
Mein Bauchgefühl hatte mir schon vorher gesagt, dass da etwas passieren könnte. Wir hatten am Sonntag auf Schalke verloren. Mario Basler und Mehmet Scholl hatten sich anschließend vor laufender Kamera darüber beschwert, dass sie auf der Bank saßen. Am Abend gab es dann noch ein Mannschaftsessen. Da sagte Giovanni Trapattoni fast die gleichen Worte wie wenige Tage später bei der legendären Pressekonferenz. Er war da schon so in Fahrt, dass er eine volle Rotweinflasche umgestoßen hat und die Hose und das Hemd von Uli Hoeneß durchnässt waren. Am Ende seiner Rede hat Trap dann den Spielern gesagt, er wolle sie bis Dienstag nicht mehr gesehen. Er selbst ist nach Mailand geflogen. Zurück nach München ist er mit dem Auto gefahren, wo ich ihn am Vormittag angerufen habe, weil auf seinen Wunsch eine Pressekonferenz angesetzt worden ist. Es sei alles okay, hat er mir am Telefon versichert. Mein Bauchgefühl hat mir etwas anderes gesagt. Ich habe ihn später nochmals angerufen und gefragt, ob auch wirklich alles in Ordnung sei. Ja, wiederholte er. Wie schon beim ersten Gespräch wollte er wissen, ob auch wirklich die Presse eingeladen worden ist.

Das dürfte Sie stutzig gemacht haben...
Absolut. Dass wirklich etwas Größeres passieren würde, war mir dann endgültig klar, als Trapattoni vor der Pressekonferenz in seine Tasche griff und acht voll geschriebene Zetteln raus zog. Normalerweise hatte er immer nur einen kleinen Zettel dabei, auf dem er sich vom Dolmetscher in gutem Deutsch seine Kernaussagen hat aufschreiben lassen und den er in der Handinnenfläche hielt.

Dachten sie darüber nach, dazwischen zu gehen, als Giovanni Trapattoni mit seiner Wutrede losgelegt hatte?
Ich habe zweimal überlegt, ob ich die Pressekonferenz abbrechen soll. Aber das wäre nicht gut gewesen. Damit hätte ich den Trainer demontiert. Als Giovanni Trapattoni mit seiner Rede fertig war und wir den Raum verlassen hatten, blieb er plötzlich stehen und meinte, er hätte etwas Wichtiges vergessen. Ich habe ihn dann in die Trainerkabine geschoben und gesagt, dass ich schaue, ob die Journalisten überhaupt noch da sind. Natürlich waren die noch alle da. Es herrschte ein Chaos, wie ich es in 30 Jahren Bayern nicht gesehen habe. Alle haben ganz aufgeregt mit ihren Redaktionen telefoniert. Als ich das gesehen habe, bin ich raus und habe die Tür abgesperrt. Trap durfte da auf keinen Fall wieder rein. Ich habe ihm gesagt, dass alle Reporter schon weg sind.

Das Beispiel Trapattoni zeigt, dass Trainer bisweilen auch versuchen, die Medien für Ihre Zwecke zu benutzen.
Wenn der Trainer in einer Saison 250 Ansprachen vor der Mannschaft hält, dann hört der eine oder andere Spieler beim 180. Mal vielleicht mehr so zu. Da kann man mit einem Interview oder mit einem Statement bei einer Pressekonferenz schon Reizpunkte setzen. Giovanni Trapattoni hat damals die mangelnde professionelle Einstellung von Teilen der Mannschaft angemahnt. Das war notwendig. Giovanni Trapattoni war normalerweise kein Lautsprecher, sondern ein Gentleman. Er ist ein ganz besonderer Mensch.

Sie haben es vorher schon angedeutet, die Medienlandschaft hat sich gewaltig verändert. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?
Ich sehe Gefahren. An erster Stelle steht heute das Tempo, die Schnelligkeit und nicht mehr die Qualität der Berichterstattung. Das Internet und die sozialen Medien geben Menschen ein Forum, die keine journalistische Ausbildung und manchmal auch keinen Anstand haben. Du kannst aus der Anonymität heraus beleidigen, ja Menschen vernichten. Das macht mir schon Sorgen, so toll die Möglichkeiten der sozialen Medien eigentlich sind.