Ex-Bayern-Pressesprecher Markus Hörwick im Interview

»Einmal hat er einen Pressevertreter in den Schwitzkasten genommen«

Wenn der Umgang mit den Medien so wichtig ist, gab es Trainer, die gerade daran beim FC Bayern gescheitert sind?
Otto Rehhagel fällt unter diese Kategorie. Wenn man sich seine Trainerlaufbahn anschaut, dann fällt auf, dass er bei Klubs mit »medialer Diaspora« erfolgreich war: In Bremen oder in Kaiserslautern. Und in Griechenland hat er niemanden verstanden. In der Medienstadt München hat es nicht funktioniert.

Sie waren der erste Pressesprecher im deutschen Profifußball überhaupt. Wie ging es bei Ihrem Dienstantritt an der Säbener Straße Anfang der 80er Jahre zu?
Alles war sehr überschaubar. Da kamen vielleicht ein, zwei Pressevertreter zum Training. Der Rest machte den Job vom Schreibtisch aus. Wie soll da ein lebendiges Bild vom FC Bayern entstehen, habe ich Uli Hoeneß gefragt. Wir müssen die Journalisten zu uns an die Säbener Straße holen, war meine Idee. Damals war es ja so, dass das Olympiastadion bei weitem nicht immer ausverkauft war. Man musste das Stadion noch füllen. Ich habe Uli Hoeneß vorgeschlagen, dass Spieler und Trainer nach dem Training, wenn sie geduscht haben, zur Verfügung stehen, um sich mit den Journalisten zu unterhalten. Auch mit  dieser Maßnahmen haben wir uns damals von den anderen Klubs abgehoben.

Heute gibt es viele bunte Geschichte rund um den Fußball – manchen zu viele. Als Niko Kovac in der Pressekonferenz nach dem 5:0-Sieg gegen Dortmund auf die anschließende Party von Jérôme Boatang angesprochen wurde, reagierte der Bayern-Trainer leicht ungehalten...
Verständlich, oder? Da hat deine Mannschaft gerade das Spiel der Spiele mit 5:0 gewonnen, ein Spiel, das im Vorfeld ganz Deutschland elektrisiert hat und weltweit in über 200 Länder übertragen worden war – und das einzige, was scheinbar interessiert, ist die Party von Jérôme  Boateng und wer wann hingeht. Das ist ja schon vor dem Spiel losgegangen, als sich Niko Kovac 20 Minuten vor dem Anpfiff  noch die Zeit für ein TV-Interview nahm und auch hier die Frage nach der Party gestellt wurde. Kurz vor dem Anpfiff hast du als Trainer nur deine Mannschaft, den Gegner, die Taktik und das Spiel im Kopf, und dann  geht´s um die Party  am Abend… Die Boulevardisierung des Fußballs kannst Du manchmal nur mit Kopfschütteln überstehen. Der Sport rückt immer mehr in den Hintergrund –  dafür geht´s um vergoldete Steaks oder die Party eines Spielers drei Stunden nach Schlusspfiff.

Wenn Sie all die Trainer durchgehen, mit denen Sie als Bayern-Pressesprecher zu tun hatten: Wer war Ihr schwierigster Fall?

Louis van Gaal. Er sagte mir gleich beim ersten Treffen, dass er bislang bei all seinen Stationen mit den Journalisten Probleme hatte – und mit den Pressechefs auch. Tatsächlich war er in ganz Europa bei den Medienvertretern gefürchtet. Es gibt ein Youtube-Video mit einem Zusammenschnitt von van Gaals Auseinandersetzungen mit Journalisten. Einmal hat er einen Pressevertreter sogar vor laufender Kamera in den Schwitzkasten genommen. Ich habe dann nach seinem Dienstantritt ein paar Dinge geändert – zum Beispiel die große Presserunde aufgeteilt, in ein Gespräch mit Vertreten der elektronischen Medien und eines mit Printjournalisten. Menschen verhalten sich ganz anders, wenn eine Kamera läuft. Louis van Gaal sollte sich mit den Printjournalisten auf Augenhöhe unterhalten, nicht auf dem Podium von oben herab. Er bekam immer seinen Cappuccino und tatsächlich hat sich eine angenehme Atmosphäre bei den Gesprächen entwickelt. Eines Tages tauchten zwei holländische Journalisten bei uns auf und fragten, ob sie auch an der Gesprächsrunde teilnehmen dürften. »Klar, kommen Sie«, sagte ich. Die waren danach total perplex, konnten es nicht glauben und meinten nur: »Das ist nicht unser Louis van Gaal.«