Ex-Bayern-Pressesprecher Markus Hörwick im Interview

»Hose und Hemd von Hoeneß waren durchnässt«

Markus Hörwick war der erste Pressesprecher im deutschen Profifußball überhaupt, arbeitete 35 Jahre lang für den FC Bayern und kennt den Klub wie wenige andere. Ein Gespräch über Journalisten im Schwitzkasten, ausgekippten Rotwein und den legendären Trap-Ausraster.  

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Markus Hörwick, die Saison neigt sich dem Ende zu, bei allen Beteiligten steigt die Nervosität, mancherorts liegen die Nerven gar blank. War das auch für Sie während Ihrer Zeit als Pressesprecher beim FC Bayern München immer die anstrengendste Zeit?
Ja, auf jeden Fall. Im Februar kannst du noch verlorene Punkte aufholen, jetzt  kaum mehr. Kopf und Körper befinden sich im roten Bereich – das gilt nicht nur für die Spieler, sondern für viele im Klub. Die Saison war lange, auch für die Journalisten – die haben auch sehr, sehr viel geleistet, waren permanent unterwegs, haben unzählige Geschichten geschrieben. Das alles kann dazu führen, dass Dinge, über die vor ein paar Wochen noch geschmunzelt worden wäre, am Ende der Saison zu aufgeregten Diskussionen und einem echten Problem werden.

Besonders im Fokus stehen die Trainer.
Das kommt nicht von ungefähr. Ein Trainer ist im Tagesgeschäft eines Vereins der wichtigste Mann. Ihm wird das Kapital des Klubs, die Spieler, anvertraut. Der Trainer kann das Kapital maximieren, indem er die Spieler besser macht. Er kann es aber auch minimieren. Es gibt im Verein niemanden, auf dem im Tagesgeschäft so viel Druck lastet wie auf dem Trainer. Er wird für alles verantwortlich gemacht. Wenn der Torjäger in der 85. Minute nicht trifft, ist das Pech. Wenn er im nächsten Spiel wieder eine 100-prozentige Chance vergibt, heißt es, die Mannschaft kann unter dem aktuellen Trainer einfach nicht mehr gewinnen. In einer solchen Situation wird der Trainer dann auch ganz schnell zum einsamsten Menschen im Verein.

Was ist die größte Aufgabe, die Kernkompetenz eines Trainers?
Eine Truppe von 22 oder mehr Individualisten zusammenzuführen, Teamspirit zu kreieren. Dafür braucht es Erfahrung, Menschenkenntnis und Empathie. Im deutschen Profifußball haben wir in den letzten Jahren in der Trainerfrage einen wahren Jugendwahn erlebt. Je jünger ein Trainer, desto besser ist er, hatte man das Gefühl. Ich habe den Eindruck, dass die Bewegung inzwischen wieder kippt. Man erkennt zunehmend, was erfahrene Trainer leisten, wie wichtig Erfahrung in diesem Job ist. Die jungen Trainer von heute sind sicher intensiver ausgebildet als die Vertreter der älteren Generation. Aber die Erfahrung ist ein unersetzlicher Schatz, besonders im Umgang mit Spielern, die auf der Bank oder gar auf der Tribüne sitzen. Ich habe von einem Psychologie-Professor einmal den Satz gehört: Führung ist das Management von Enttäuschung.

Welcher Trainer beim FC Bayern war aus Ihrer Sicht auf diesem Gebiet am besten?
Da muss ich zwei Namen nennen: Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes. Beide haben es geschafft, zum Beispiel auch nach dramatisch verlorenen Champions League-Finalspielen doch noch den Titel in der europäischen Königsklasse zu holen. Ottmar Hitzfeld 1999 nach der Niederlage in der Nachspielzeit gegen Manchester United, Jupp Heynckes nach dem verlorenen Elfmeterschießen gegen Chelsea im Finale »Dahoam« 2012. Eine Mannschaft kann an zwei in dieser Art verlorenen Endspielen kaputt gehen. Sowohl Dietmar Hitzfeld als auch Jupp Heynckes haben es dagegen mit viel  Kraftaufwand und menschlichem Einfühlungsvermögen geschafft, die Enttäuschung in positive Energie umzuwandeln.

Hannovers Trainer Thomas Doll hat zuletzt beklagt, dass der Stellenwert des Trainers in Deutschland niedriger als anderswo sei. Sehen Sie das auch so?
Es macht den Anschein, ja. In England ist der Trainer der Boss, in Italien der Mister – das sagt schon viel aus. Auf jeden Fall hatte ein Trainer in Deutschland früher einen anderen Stellenwert als heute, er war eine absolute Autoritätsperson. Denken Sie an Udo Lattek, Otto Rehhagel, Franz Beckenbauer, Felix Magath. Dass sich das geändert hat, hat sicher auch mit der Medienlandschaft zu tun, die sich in den vergangenen zehn Jahren extrem gewandelt hat. Aber es hat sich auch sonst viel getan. Ein Ottmar Hitzfeld hatte einen Co-Trainer, einen Torwarttrainer, einen Fitnesstrainer und noch zwei Physios in seinem Team. Heute hat jeder Coach einen Staff mit  15, 20 Leuten, vom Videoanalysten bis zum Ernährungsberater – mit all denen muss der Cheftrainer kommunizieren. Das kostet zusätzlich Zeit und Energie. Sein Aufgabenfeld ist viel, viel größer geworden.

Der Trainer muss auch mit den Journalisten kommunizieren. Wie wichtig ist die Medienarbeit?
Eigentlich hat der Trainer gar keine Zeit dafür, angesichts all der anderen Dinge, um die er sich kümmern muss und für die er letztlich verantwortlich ist. Aber Medien- und Öffentlichkeitsarbeit ist enorm wichtig und sie wird immer noch wichtiger. Wir leben in einem Medienzeitalter. Im deutschen Fußball geht man da einen anderen Weg als in England, Spanien oder Italien. Dort schotten sich die Klubs total ab. Es gibt keine Presserunden,  wenig Pressekonferenzen. Man kämpft täglich eher gegeneinander. In Deutschland ist im Großen und Ganzen das Verhältnis zwischen den Pressevertretern und den Vereinen noch okay – natürlich gibt es auch mal Zoff. Aber dann ist es auch wieder gut. Eine nicht unwichtige Rolle spielen dabei die Pressesprecher. Ich selbst habe mich dabei immer als Dienstleister und Kommunikator, vor allem aber als Mediator zwischen allen Parteien gesehen – für die Pressevertreter, aber auch für die Leute im eigenen Verein.