Ewald Lienen über St. Pauli, Geld und Helmut Schmidt

»Ich widerspreche Altkanzler Helmut Schmidt«

Das neue Präsidium um Oke Göttlich besteht fast ausnahmslos aus langjährigen aktiven Fans. Wie ausgeprägt ist die Debattenkultur unter der neuen Führung?
Ehrlich gesagt habe ich schon Probleme, meine tägliche Arbeit zu bewerkstelligen, weil wir permanent in Diskussionszirkeln und Arbeitsgruppen sitzen. Manchmal schmeckt der Tee aber nicht so gut! Bei allem Respekt: Meine Arbeit konzentriert sich eindeutig auf das Sportliche. Aber natürlich lebe ich hier nicht in einer Blase und komme mit Fan- und Vereinsvertretern zusammen, um über sportliche Themen zu sprechen.

Präsident Göttlich träumt davon, den Verein sportlich zu professionalisieren und von seiner Struktur her zu öffnen. Vereinfacht gesagt: Die Fans sollen in enger Zusammenarbeit mit der Führung die Geschicke des Klubs mitbestimmen. Klingt wie eine Utopie.
Ich kenne Okes Träume nicht, aber die Utopie, eng mit Fans und Gremien abgestimmt zusammenzuarbeiten, wird hier längst gelebt. Was weitere Visionen angeht, widerspreche ich Altkanzler Helmut Schmidt: Ohne Visionen und Träume wird es keine Weiterentwicklung geben. Oke Göttlich will, dass die Menschen respektvoll und gemeinschaftlich miteinander etwas erarbeiten. Dabei entwickelt er eine große Euphorie und Hartnäckigkeit.

Sie mögen den 39-jährigen Präsidenten, oder?
Ich habe selten in meinem Trainerleben so viele Leute in der gesamten Führung erlebt, mit denen ich mich gut verstehe, und Oke gehört dazu. Beim FC St. Pauli geht es nicht um Personen, sondern um Themen und Lösungen, die den Verein nach vorne bringen. Dabei beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Meinungen und Ratschlägen, sonst hätten wir ja Bundeskanzler werden können.

Ihre Liaison mit dem FC St. Pauli begann kurz vor Weihnachten 2014 auf dem letzten Tabellenplatz. Inzwischen sind Sie mit dem Klub und dem Umfeld zu einer Einheit gewachsen. Ist das Engagement auf dem Kiez das Happy-End Ihrer Trainerlaufbahn?
Hören Sie mal, ich habe mit 61 Jahren gerade erst akzeptiert, dass es richtig war, die aktive Laufbahn zu beenden. Wie soll ich da jetzt schon über mein Ende als Trainer nachdenken?

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