Erleben wir ein neues 1998?

»Hooligans in Vollzeit«

Pavel Klymenko vom Fan-Netzwerk FARE war mittendrin, als die Krawalle von Marseille passierten. Er befürchtet, dass die Gewalt jetzt erst richtig los geht.

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Pavel Klymenko, Sie sind als Mitarbeiter des Netzwerkes FARE seit Jahren ein Beobachter und Kenner der internationalen Hooligan-Szene. Wie haben Sie die Krawalle von Marseille erlebt?
Die Engländer waren schon seit Tagen in Marseille und haben das getan, was englische Fans bei Großturnieren eben machen: Sie haben sich betrunken, wild gesungen und die ein oder andere Flasche geschmissen. Auf Außenstehende mag das sehr aggressiv wirken, aber letztlich war die Stimmung friedlich. Das hat sich erst geändert, als die russischen Hooligans auftauchten.

Was können Sie über die russischen Hools sagen?
Das war eine kleine Gruppe von vielleicht 150 Typen, dafür aber sehr professionell und sehr gewalttätig. Diese Jungs sind Hooligans in Vollzeit und nur darauf aus gewesen, Engländer zu verprügeln. Die Gruppe setzt sich aus unterschiedlichen Fangruppen zusammen, vorrangig Anhänger von Lokomotive Moskau und Zenit St. Petersburg, aber auch Rubin Kasan und weitere kleinere Mannschaften.

Was ist bei den Zusammenstößen genau passiert?
Die Engländer sind schon vorher in kleinen Gruppen durch die Stadt gezogen, da gab es hier und da auch mal etwas Ärger, aber nichts Ernstes. Die Russen sind in kleineren Gruppen ganz gezielt auf die englischen Fans los, vorrangig am Alten Hafen in Marseille, und haben extrem brutal zugeschlagen. Wie gesagt: Man kann fast sagen, dass diese Typen das professionell betreiben.

Unterwegs mit Russen und Engländern: Reportage aus Marseille >>

Die Schlägereien waren kurz, aber heftig. Wo waren da die in Frankreich allgegenwärtigen Sicherheitskräfte?
Bei den Attacken selbst sind sie zu spät gekommen oder haben gar nicht eingegriffen. Das Verhalten war unverständlich.

Einige Fans und Medien haben der franzosischen Polizei ein zu hartes Vorgehen vorgeworfen?
Das sehe ich nicht so. Gegenüber den Engländern hat sich die Polizei wirklich sehr liberal verhalten. Die haben ihre übliche Show abgezogen und man hat sie gelassen.

Die Sicherheitskräfte haben mehrfach Tränengas eingesetzt…
Ja, aber das ist die seichteste Form der Bekämpfung von Krawall und Gewalt. Ein paar Granaten Tränengas, mehr war das nicht. Wesentlich rigoroser hätten sie bei den Übergriffen der Russen vorgehen sollen.

Waren noch weitere Fangruppen in Marseille beteiligt?
Es gab außerdem auch Auseinandersetzungen zwischen Hooligans von Paris St. Germain und Olympique Marseille, einige OM-Ultras haben später auch mitgemischt.

Die nächsten Krawalle wurden in Nizza gemeldet, wo heute Polen gegen Nordirland spielt. Steht das in einem Zusammenhang?
Ich befürchte schon. Nach dem Auftritt der Russen werden die Polen, die gemeinhin als die härteste Hooligan-Fraktion gelten, selbst zeigen wollen, was sie so drauf haben. Außerdem ist heute russischer Nationalfeiertag, vor vier Jahren, bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine, wurde Russen von Polen angegriffen. Die russische Fraktion wird sich dafür vermutlich in Nizza rächen wollen.

FARE beobachtet vorrangig rassistische Ausfälle in europäischen Stadien. Welche Rolle haben Rassismus und Nationalismus bei den Krawallen gespielt?
Einige englische Gruppen sind bereits mit rassistischen und islamophoben Gesängen und Aktionen in Marseille aufgefallen. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, dass die englische Gesellschaft doch eigentlich sehr multikulturell ist und gerade polnische Fans in der jüngeren Vergangenheit mit islamophoben Auftritten negativ aufgefallen sind, denke ich, dass da leider noch was auf uns zukommt.

Glauben Sie, dass sich die schlimmen Szenen von Massenprügeleien bei der WM 1998 wiederholen können?
Leider ja. Im Moment deutet vieles darauf hin, dass wir noch einige hässliche Szenen zu sehen bekommen werden.

Pavel Klymenko aus Kiew ist Fare Eastern Europe Development Officer des Netzwerkes FARE