Erich Ribbeck über unnötige USA-Reisen und Fußball 2000

Passend zu den übrigen Turbulenzen gab es auch noch eine Ausgeh-Affäre, im Mittelpunkt standen wieder Ihre Freunde Jeremies, Babbel und Hamann, die einen freien Tag für den Ausflug nach Köln nutzten. Was fällt Ihnen zu diesem angeblichen Trinkgelage ein? 

Ich hatte den Abend freigegeben. Irgendwie muss man ja auch die Zeit vertreiben. Intelligenterweise sind die drei nach Köln gefahren und haben sich da gezeigt.

Tief nachts. 

Ich habe ihnen nicht gesagt, dass sie um Mitternacht wieder im Hotel sein müssen. Bewusst nicht gesagt. Gegen wen spricht das? Spricht es gegen die Spieler? Gegen den DFB? Gegen mich? So was ist zu allen Zeiten passiert. Auch die Weltmeister von 1974 und 1990 sind aus dem Fenster geklettert.

Dann gab es ja noch die berühmte Abschlussfeier im Teamhotel in Vaals nach dem 0:3 gegen Portugal, dem finalen und eindeutigen EM-Aus. Haben Sie auch auf der Terrasse gesessen, Bier getrunken und »Anton aus Tirol« mitgesungen? 

Ich bin nicht bis morgens um fünf aufgeblieben, ich bin ins Bett gegangen. Was soll’s? Wären wir weitergekommen, wären die Spieler nicht so lange sitzengeblieben. Und wenn sie an diesem speziellen Abend um zwölf ins Bett gegangen wären, dann hätte es geheißen: »Diese Duckmäuser spielen scheiße und gehen auch noch um zwölf ins Bett.«

Es gab eine große moralische Empörung in Deutschland. Rainer Holzschuh, der »Kicker«-Chefredakteur, erregte sich über das Verhalten der Fußballer »in der Nacht der Katastrophe«. 

Die Journalisten haben wohl im Busch gesessen und zugesehen. Dabei war es doch völlig einerlei, ob sich die Spieler nach ihrem Ausscheiden noch mal die Kante geben oder nicht. Ich war in dieser Nacht auf meinem Zimmer und konnte nicht einschlafen. Am nächsten Tag bin ich dann zur Pressekonferenz und hab gesagt: »Das war’s.« Es wurde dann geschrieben, ich hätte die Verantwortung übernommen. So ein Quatsch. Was heißt denn Verantwortung? Aber ich war nun mal der leitende Mann, und dem musste ich mich stellen. Fertig, aus.

Heutzutage heißt es, die Pleite bei der EM 2000 habe die Verantwortlichen endlich zur Besinnung gebracht. Reformen folgten, und den Reformen folgen jetzt viele, viele junge begabte Fußballer. Ein Trost? 

Auf jeden Fall sehe ich es mit einem gewissen Amüsement, wer sich jetzt alles die Verdienste an die Brust heftet. Die ganze Entwicklung um die jungen Spieler von heute geht ja auf einen Zeitpunkt zurück, der noch in meine Zeit fällt. Berti Vogts hat das ganz intensiv betrieben, aber der maßgebende Mann, der dieses sogenannte Stützpunkttraining für die Zehn- bis Vierzehnjährigen mit größter Akribie aufgebaut hat, das war Dietrich Weise – von dem man heute gar nichts mehr hört.

Warum haben Sie nicht mehr im Fußball gearbeitet nach Ihrer Zeit als Bundestrainer? 

Es gab Anfragen aus dem Ausland. Aber ich wollte das nicht mehr. Ich war 63, als ich beim DFB aufgehört habe. Ich war mehr als 30 Jahre Trainer, das reichte mir.

Sehen Sie heute Ihre Zeit als Bundestrainer als Gewinn? 

Als Gewinn würde ich es nicht bezeichnen. Andererseits: Wenn ich es nicht gemacht hätte, dann würde es auch nicht viel ändern. Ob eines Tages, wenn ich die Augen zudrücke, 1000 Leute bei der Beerdigung sind oder 500, das spielt ja keine Rolle.