»Ennatz« Dietz im großen Karriereinterview

»Ich hatte nie einen Berater«

2006 haben Sie es noch mal als Coach bei Rot-Weiß Ahlen probiert. 

Das war ähnlich, da wollten auch alle mitreden. Wenn Spieler sich woanders ausweinen können, erreichst du sie nicht mehr. Dann geht es nur hinten herum. Nicht mein Ding. Danach war Schluss mit Trainer Dietz.

Können sich Spieler heute alles erlauben? Was denken Sie, wenn ein Spieler in Streik tritt?

Unglaublich, die kommen einfach nicht zum Training. Die tanzen allen auf der Nase rum. Da gehe ich kaputt dran. Aber: Die Spieler heute werden auch entmündigt, die haben selbst keinen Einfluss mehr, man nimmt denen alles ab. Heute kommen schon 17-Jährige mit Beratern. Ich hatte nie einen Berater. Das ist heute nicht mehr meine Welt. 

Wie wäre denn der Profi Bernard Dietz heute? Ein Popstar mit eigener Homepage? 

Ich habe noch nicht mal Internet, keine Mail. Brauch’ ich alles nicht.

Sie haben nie gezockt und auf Gehaltserhöhungen gedrängt? 

Man hat über Vorstellungen geredet. Dann kamen in den Vertrag: Laufzeit, Gehalt, Prämien, fertig. Nix Auto, Wohnung oder solche Extras. Mein erstes Gehalt waren 1200 Mark. Weil der MSV ja nie Geld hatte, bekam ich immer die Hälfte der Abstellungsgebühr für die Nationalmannschaft vom DFB. Ich habe mein eigenes Geld eingespielt. Wenn ich es drauf angelegt hätte, ich hätte Millionen verdienen können. Aber ich hatte immer ein Dach überm Kopf, wir sind glücklich. Gut, ich hätte mehr Geld auf die Kinder verteilen können. Aber dann hätten die vielleicht zu viel, ohne was dafür tun zu müssen.

Wollten Sie vor dem Abstieg 1982 nie weg aus Duisburg? 

Es gab Angebote. 1975 war mit Eintracht Frankfurt fast alles klar, es stand schon in der Zeitung. Da komm ich nach einem Spiel zu meinem Auto. Steht da ein Ehepaar: »Ennatz, Sie dürfen uns nicht verlassen!« Die haben gefleht und geweint. Also bin ich geblieben, wegen dieser Begegnung. 1980 bekam ich einen Anruf von Hennes Weisweiler, damals Trainer bei Cosmos New York. Da spielten Beckenbauer, Pelé – aber nee, ich bin bei meiner Mannschaft geblieben.

Und heute? 

Bin ich Vorstandsberater und Repräsentant beim MSV, der Oberförster für Traditionspflege, auch in den Fanklubs. Und ich helfe meinem Sohn bei der Fußballschule.

Da wollen Sie »den Straßenfußball wieder in den Verein holen«. Was heißt das? 

Wir wollen keine Leistung, keine Talente sichten, sondern Kindern Freude machen, auch wenn sie noch nie vor den Ball getreten haben. Das ist eine Art Vorschule für einen Verein. Straßenfußball auf einem normalen Platz. Den meisten Kindern sagt der Name Bernard Dietz nichts, aber einmal kam so ein ganz Kleiner und sagte: »Mein Schuh ist auf.« Ich bück mich runter mit meinen kaputten Knien und sage: »Kannste das noch nicht?« Sagt der: »Doch, aber du machst mir so ’ne schöne Bundesligaschleife.«