Ein Spiel, ein Tor, Karriereende: Die kuriose Laufbahn des Steffen Handschuh

»Magath kannte die Reservespieler nicht«

Am 7. April 2002 schoss Steffen Handschuh in seinem ersten Spiel für den VfB Stuttgart ein Tor. Danach lief er nie wieder in der Bundesliga auf. Felix Magath sortierte den Stürmer aus, danach stoppten ihn Verletzungen. Ein Interview über Magath, Kevin Kuranyi und die Karriere nach dem Karriereende.

Steffen Handschuh, kennen Sie Hans-Jürgen Kurrat oder Anton Vuckov?
Steffen Handschuh: (lacht) Bei diesen Spielern kann es ja nur so sein, dass sie die gleiche Geschichte erlebt haben wie ich auch.

Kurrat traf 1963 bei seinem Debüt für Borussia Dortmund, Vuckov spielte 1966 zum ersten Mal für die Bayern und netzte ein. Beide waren nie wieder in der Bundesliga am Ball. Ihnen ging es auf den Tag genau vor zehn Jahren beim VfB Stuttgart genauso. Wie kam es dazu?
Steffen Handschuh: Ich stand damals vor dem Sprung zu den Profis und habe in der Woche vorher zum ersten Mal mit der Lizenzmannschaft trainiert. Der VfB hatte große personelle Sorgen, zum Spiel in Freiburg reisten sogar Amateur-Spieler nach, die noch am Tag zuvor 90 Minuten in der Regionalliga gegen den SV Wehen gespielt hatten. Somit war ich dabei.

Wie haben Sie den damaligen Trainer Felix Magath kennengelernt?
Steffen Handschuh: Felix Magath war sehr distanziert, hat nicht viel mit mir gesprochen in dieser Woche. Er ist definitiv der harte Hund, als der er immer dargestellt wird. Das muss ja erstmal nicht schlecht sein. Ob es allerdings ideal ist für einen jungen Spieler, Felix Magath als Trainer zu haben, weiß ich nicht. Man muss sich eben durchbeißen. Das hat er von uns jungen Spielern auch immer wieder gefordert. Wir sollten Gas geben und immer weitermachen, bis der Tag kommt, an dem er uns braucht. 

Magath wechselte Sie in der 64. Minute in Freiburg ein. Hat er da noch etwas Spezielles zu Ihnen gesagt?
Steffen Handschuh: Ich glaube, Felix Magath war sich nicht sicher, welchen Spieler er noch bringen sollte, weil er die ganzen Reservespieler, die noch auf der Bank saßen, nicht gut kannte. Ich hatte auch hier etwas Glück. Unser damaliger Torwart der zweiten Mannschaft, Adnan Masic, saß auch auf der Bank und hat ein gutes Wort bei Magath für mich eingelegt. Er hat ihm gesagt, dass ich über die rechte Seite noch ein bisschen Dampf machen könnte. 

Wie kam es zu Ihrem Treffer?
Steffen Handschuh: Man muss dazu sagen, dass ich auch am ersten Treffer beteiligt war. Als ich reinkam, hatte ich direkt zwei unglückliche Situationen. Bei der dritten Aktion habe ich dann einen Freistoß rausgeholt, aus dem das 1:0 resultierte (Fernando Meira traf in der 79. Minute, d. Red). Vor dem 2:0 waren dann die Freiburger am Drücker und wir haben gekontert. Adhemar hat mir den Ball in den Lauf gespielt und ich, nunja, habe das Tor gemacht.

Warum öffnete Ihnen dieses Traum-Debüt nicht die Tür zu weiteren Einsätzen in den Wochen danach?
Steffen Handschuh: Nach dem Spiel gab es viele Schulterklopfer. Viele Menschen kamen auf mich zu und haben gesagt, dass es jetzt genauso weitergeht. Magath aber hat mir direkt den Wind aus den Segeln genommen. Er hat mir erst einmal einen Tag freigegeben, danach musste ich wieder bei den Amateuren trainieren. Für das nächste Spiel gegen Cottbus hat er mich dann aus dem Kader genommen. Das Spiel ging 0:0 aus und wir haben viele Chancen vergeben. Ich hätte mir gewünscht, die Möglichkeit zu bekommen, diese Chancen zu nutzen.

Vom siebten Himmel zurück in die Niederungen der Reserve. Wie hart traf Sie das?
Steffen Handschuh: Ich habe es nicht ganz verstanden, aber insgeheim schon ein bisschen damit gerechnet. Ich war nicht der einzige Spieler, mit dem Magath das so gemacht hat. Er hatte auch Kevin Kuranyi hoch geholt, dann wieder in die zweite Mannschaft zurückgestuft und erst später wieder auf ihn gebaut.

Sie waren U17-Nationalspieler, standen beim VfB von 2002 bis 2005 als Profi unter Vertrag. Warum blieb es bei einem Einsatz?
Steffen Handschuh: Mein Knie war damals schon in Mitleidenschaft gezogen geworden. Der Mannschaftsarzt des VfB hat mir damals früh zu verstehen gegeben, dass sich mein Knie in keinem guten Zustand befindet und man abwarten müsse, wie lange das gut gehe. 2003 habe ich mir dann einen Knorpel- und Meniskusschaden zugezogen. Dadurch wurde meine Karriere letztlich beendet. 

Wie hat sich der VfB in dieser Zeit um sie gekümmert?
Steffen Handschuh: Wenn man verletzt ist, steht man beim Verein natürlich nicht mehr im Rampenlicht. Aber ich habe mich in Stuttgart immer super aufgehoben gefühlt. Mein Vertrag wurde sogar um ein weiteres Jahr verlängert, obwohl ich verletzt war. Man hat mir Rückendeckung gegeben. Ich konnte auch nebenher in der Buchhaltung des VfB arbeiten und mich sozusagen in ein Leben abseits des Fußballs wieder integrieren. Und seit 2009 bin ich beim VfB fest als Leiter der kaufmännischen Abteilung in der »Reha-Welt« tätig. Das passt ganz gut. Ich kenne ja sowohl die Spieler- als auch die Reha-Seite.

Was überwiegt, wenn Sie an Ihren einzigen Profieinsatz zurückdenken: Wehmut oder Freude?
Steffen Handschuh: Sowohl als auch. Wenn ich kurz darüber nachdenke, freue ich mich jedes Mal. Aber wenn ich mir länger darüber Gedanken mache, kann es durchaus sein, dass eine Träne heraus kullert. Es war schwer zu realisieren, dass aus der Karriere nichts wird. Aber die Frage, was passiert wäre, wenn die Verletzung nicht gekommen wäre, darf man sich nicht stellen, sonst würde man kaputt gehen.