Dreieinhalb Jahre vor der WM: Eindrücke aus Katar

»Es wird ein trostloses Turnier«

Menschenrechtsverletzungen, Korruption, fehlende Fußballkultur: Katar steht als Gastgeber der WM 2022 heftig in der Kritik. Wir haben mit einem Groundhopper, der kürzlich vor Ort war, über seine Eindrücke gesprochen. 

Apokalypse Wurst

Marcel Hartmann, im Rahmen Ihrer Groundhopping-Weltreise waren Sie im Februar auch in Katar. Können Sie sich vorstellen, dass dort in dreieinhalb Jahren eine Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet?

Das ist extrem schwer vorstellbar. Man muss den Leuten ja auch fernab des Fußballturniers etwas bieten. Die Fans wollen sich das Land anschauen. In großen Ländern wie Russland, Südafrika oder Brasilien ist das ohne Weiteres möglich. In Katar wird das hingegen sehr schwer. Einmal war ich außerhalb von Doha, an der Nordküste. Von ein paar verwaisten Straßen abgesehen gibt es dort aber nichts zu sehen!

 

So schlimm?

Nicht nur als Fußballfan, sondern auch als Reisender würde ich rückblickend sagen: Man war halt mal da. Mehr ist es leider nicht. Nur Doha fand ich ganz nett, da kann man sicher auch einige Tage verbringen.

 

Was macht Katars Hauptstadt aus?

Die Innenstadt hat einiges zu bieten und ist sehr gemütlich gestaltet mit vielen schicken Parks. Es geht dort sehr international zu, was vor allem an den zahlreichen Gastarbeitern aus Bangladesch, Indien und Pakistan liegt. Die machen letztendlich auch die Kultur vor Ort aus, verkaufen lokale Spezialitäten an Ständen auf der Hafenpromenade und prägen das Straßenbild.

 

Wiederholt wurde Katar für seinen Umgang mit den Gastarbeitern auf den Baustellen für die WM-Stadien kritisiert. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Ein paar Baustellen von WM-Stadien habe ich aus der Ferne sehen können. Für eine nähere Begutachtung hat die Zeit leider nicht gereicht. Daher habe ich von den Arbeitsbedingungen oder der Unterbringung der Menschen nichts mitbekommen. Die Kritik wird allerdings nicht von ungefähr kommen.

 

Ist denn im Land überhaupt so etwas wie Fußballbegeisterung auszumachen?

Nein, gar nicht. Zumindest nicht bei den Spielen, die ich besucht habe. Einmal waren zwei, drei Leute im Stadion, die ein bisschen gesungen haben. Das war es dann aber auch schon.

 

Welche Spiele haben Sie besucht?

Die meisten habe ich in Doha gesehen, allesamt unterklassig oder Jugendspiele. Die Stadien haben sich allerdings kaum voneinander unterschieden. Alle sind gleich aufgebaut: Es gibt in die Tribünen integrierte Mehrzweckhallen, das Fassungsvermögen ist gleich und sogar die Treppen befinden sich exakt an den gleichen Stellen. Lediglich die Farbe der Sitzschalen war anders. Als Groundhopper ist man ja auch immer auf der Suche nach etwas Neuem. Und wenn man dann gefühlt immer das gleiche Stadion sieht, wird es schnell langweilig.