Drei Schalke-Fans fragen - Benedikt Höwedes antwortet

»Ich habe mich immer bewusst für Schalke entschieden«

Janek: Gegen kleine Mannschaften wie Freiburg sah es aus, als wenn ein Konzept fehlen würde. Höwedes: Es mag für Außenstehende schwer nachzuvollziehen sein, aber diese Spiele sind verdammt schwierig. Teams wie Augsburg oder Freiburg machen das gut, sie stehen diszipliniert und lauern nur auf Konter. Für uns wird das Spielfeld eng und die Räume sind sehr klein. Die Bayern tun sich gegen solche Teams auch so schwer wie wir. Der Unterschied ist: Sie machen nicht so viele Fehler.

Astrid: Vielleicht ist es gerade in engen Spielen ein Plus, wenn mehr junge Spieler im Kader sind. Die sind unbedarfter und gehen auch mal ins Eins-gegen-eins.

Höwedes: Sicher, junge Spieler haben den Vorteil, dass sie sich nicht viele Gedanken machen. Sie bringen Geschwindigkeit ins Spiel und sind nicht so leicht auszurechnen. Heutzutage haben die Jungs, die zu uns hochkommen, auch eine starke Athletik und ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Viele bekommen von allen Seiten gesagt, dass sie die Besten seien. Doch irgendwann wird von ihnen mehr verlangt als ein paar gute Einzelaktionen pro Spiel. Diese Umstellung fällt nicht jedem so leicht.

Detlef: Der neue Mann im Aufsichtsrat will sich jetzt dafür einsetzen, dass die jungen Spieler besser betreut werden. Sie sollen lernen, wie man mit Geld umgeht.

Höwedes: Das ist zunächst einmal kein falscher Ansatz. Aber wir müssen eines festhalten: Wir haben auf Schalke mit Norbert Elgert schon den besten Jugendtrainer der Welt. Er erzieht und fördert die Jungs auf einem ganz hohen Niveau. Im Prinzip können die jungen Spieler mit ihrem Geld auch machen, was sie wollen. Ich finde es nicht verwerflich, wenn sich jemand ein neues Auto gönnt oder was auch immer. Die Priorität muss nur klar sein: fit bleiben, auf die Ernährung achten, trainieren, der Mannschaft helfen. Wenn das nicht der Fall ist und ein Spieler durch teure Autos oder Eskapaden auffällt, dann muss er sich nicht wundern. Dann kommt sein Lebensstil wie ein Bumerang zurück.

Detlef: Wie war das in deiner Jugend? Wer hat dich noch mal aus Langen­bochum zu Schalke geholt?

Höwedes: Der Trainer hieß Thomas Kruse.

Detlef: Ehemaliger Schalke-Spieler, Rückennummer Zwei.

Höwedes: Da bist du besser informiert als ich. Ich spielte in Langen­bochum als Stürmer, doch davon gab es in Schalkes Jugend genug. Man hatte keine richtige Verwendung für mich. Allein die Position rechts hinten in der Dreierkette war offen, also sagten die Trainer zu mir: »Probier du es da!« Für mich war das ein glücklicher Zufall, wenn man sich den Verlauf meiner Karriere anschaut.

Astrid: Du bist seitdem durchgehend auf Schalke aktiv. Hattest du nie den Gedanken zu wechseln? Beispielsweise nach England?

Höwedes: Ich hatte mehrere Möglichkeiten dazu, gerade die Angebote aus England haben mich gereizt. Doch ich habe mich immer bewusst für Schalke entschieden. Ich weiß, was ich hier habe, und ich brauche ein Umfeld, mit dem ich mich identifizieren kann. Natürlich habe ich mir die vergangenen Jahre sportlich auch ganz anders vorgestellt. Doch ich habe auch große Momente mit Schalke erlebt, beispielsweise in der Champions League. Ich habe in all den Jahren nicht ein einziges Mal bereut, dass ich hier geblieben bin.

Detlef: Bei Goretzka schwatzen jetzt auch einige rein, dass er den Klub wechseln soll.

Höwedes: Mir wurde häufig dazu geraten, aber ich bin am Ende derjenige, der entscheidet. Jeder muss das mit sich selbst ausmachen. Ich verurteile es nicht, wenn jemand sagt, dass er woanders den nächsten Schritt machen will. Das ist das moderne Geschäft. Meinen Weg kann man nicht von allen anderen erwarten. Doch was ich erwarte, ist dies: Wer hier auf Schalke spielt, der darf nicht an andere Vereine denken. Der muss sich voll reinhängen.

Detlef: Wie viele Trainer hast du jetzt schon auf Schalke erlebt?

Höwedes: Ich müsste raten. Ich bin jetzt elf Jahre hier, da würde ich so auf zwölf bis dreizehn tippen.

Astrid: Wie ist das für dich als Kapitän, wenn ein neuer Trainer kommt? Musst du dich besonders beweisen?

Höwedes: Alle müssen sich beweisen. Jeder neue Trainer setzt neue Schwerpunkte. Häufig rücken dann plötzlich Spieler aus der zweiten oder dritten Reihe in die Stammelf. Da kann alles passieren. Jeder Spieler muss Gas geben, natürlich auch ich.

Janek: Würdest du dich im Sinne der Mannschaft auch auf die Bank setzen?

Höwedes: Es geht darum, dass wir erfolgreich sind. Die besten elf müssen spielen. Wenn der Trainer der Meinung ist, dass ich nicht dazugehöre, dann muss ich das akzeptieren. Ich müsste in diesem Fall die Rolle auf der Bank annehmen, auch wenn ich die auf Schalke in den vergangenen zehn Jahren nie kennengelernt habe. Bei der EM 2016, mit der Nationalmannschaft, war ich bei einigen Spielen nicht in der Startelf und da habe ich auch nicht gemurrt. Klar will ich spielen, aber ich bin ein fairer Sportsmann. Ich weiß auch, dass ich nicht jünger werde.

Detlef: Du hättest eigentlich 2014 deine internationale Karriere beenden müssen.

Höwedes: Da war ich leider noch nicht alt genug. (Lacht.)

Detlef: Da hast du alles erreicht, unter anderem »Gelsenkirchens Sportler des Jahres«.

Höwedes: Das war, glaube ich, in dem Jahr der etwas kleinere Titel. Für mich war die WM in Brasilien ein unglaubliches Highlight. Ich hätte vor diesem Turnier nicht damit gerechnet, dass ich alle Spiele über die volle Distanz bestreite. Jedem war klar, dass ich nicht offensiv brilliere, sondern vor allem hinten absichere. Der Trainer wusste, was er an mir hatte. Der WM-Pokal war das eine, aber mir ist vor allem in Erinnerung geblieben, was wir als Team über vier Wochen für eine geile Zeit verbracht haben. Der Zusammenhalt war einzigartig.